Transalp 2001: Chiemsee - Gardasee

Eine achttägige Alpenüberquerung mit dem Mountainbike vom Chiemsee zum Gardasee


Einleitung

Eigentlich hatte ich diese Tour schon für das Jahr 2000 geplant, aber nachdem zwei von ursprünglich drei Teilnehmern aus verschiedenen Gründen ausfielen, mußte ich für mich die Tour ebenfalls abblasen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, und so kam sie dann mit einem Jahr Verspätung doch zustande, wenn auch mit etwas anderer Zusammensetzung. Teilnehmer der Tour waren neben mir noch Josef Jaschek (Sepp) und Jochen Schmitz.

Tabelle 1: Basisdaten der Tour
Dauer8 Tage (28.07. - 04.08.2001)
Entfernung572,3 km
Höhendifferenz14.510 m

Grundlage der Streckenführung waren diverse Artikel in den bekannten beiden "Fachzeitschriften" und auf privaten Internetseiten; eine Passage habe ich dem Mountainbikeführer von Hackl/Mühlbachler für die nördlichen Dolomiten entnommen, eine andere entstand als Variante spontan durch die vorhandenen Markierungen der Transalp-Challenge 2001. Letztendlich waren auch die Etappen von der Länge her etwas anders geplant, als wir sie schließlich gefahren sind. Aber soviel Flexibilität stand von vornherein zur Verfügung, um auf Abhängigkeiten von Tagesform und Wetter entsprechend reagieren zu können.

Etappe 1: Chiemsee - Reit im Winkl

Tabelle 2: Daten der ersten Etappe
RouteHirten - Trosberg - Altenmarkt - Chiemsee - Chieming - Grabenstätt - Bergen - Eschelmoos Alm - Weitsee - Sotter Alm - Reit im Winkl
DatumSamstag 28.07.2001
Entfernung87 km
Netto Fahrzeit4:53 h
Brutto Fahrzeit5:15 h
Bergauf1064 m
Bergab800 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag1.gpx (Kartenansicht)
KarteBLM Chiemsee und Umgebung

Wir treffen uns um 8:00 Uhr bei mir; nach dem obligatorischen Startfoto heißt es für acht Tage Abschied nehmen von der Familie. Die Route führt unter wolkenlosem Himmel und schnell zunehmender Wärme mehr oder weniger parallel zur Alz über die Orte Wald, Wiesmühl, Trostberg, Altenmarkt, Höllthal, Truchtlaching und Seebruck zunächst bis an den Chiemsee. Diesen umfahren wir östlich über den bestens ausgebauten und beschilderten Radrundweg. In Chieming machen wir am Minigolfplatz eine erste kurze Rast. Der für den örtlichen Fahrradverleih zuständige Herr wird sofort auf uns aufmerksam und beginnt fachmännisch unsere Räder zu begutachten. Die Ausstattung wird anerkennend gelobt, und nachdem wir verraten, wohin unsere Reise geht, gesteht er, in wenigen Wochen ebenfalls eine Alpenüberquerung geplant zu haben.

Abb. 1: Das Team
Abb. 1: Das Team
Noch ganz frisch (v.l.n.r.): Guido (Autor), Sepp und Jochen.

Nach der kurzweiligen Pause geht es am Chiemsee entlang weiter bis Grabenstätt, wo wir links ab in Richtung Bergen fahren. Von meinen Trainingsfahrten in den vergangenen Wochen ist mir der genaue Routenverlauf dorthin schon bekannt, so daß wir, ohne einen Blick auf die Karte werfen zu müssen, nach der Unterquerung der A8 rasch in Bergen ankommen. Dort werden die Getränkevorräte nachgefüllt, denn die ursprünglichen 1,5 Liter sind mittlerweile bei jedem verbraucht. Im Ort herrscht hektisches Treiben; die Sitzgelegenheiten für das abendliche Fest werden unter Blockierung der Durchgangsstraße und unter fachmännischer, lautstarker Anleitung ausgeladen.

Wir trennen uns von diesem Schauspiel und fahren weiter in Richtung Hochfelln-Talstation; anschließend geht es langsam bergan zur Eschelmoos Alm. Hier ist es angenehm schattig, denn in der direkten Sonne wird es nun langsam zu warm. Als es steiler wird, muß ich einen Gang zurückschalten und die beiden anderen davonziehen lassen. Die Hitze macht mir ziemlich zu schaffen; vermutlich lasse ich es auch etwas zu hektisch angehen, denn mein Puls steigt schließlich auf 170. Außerdem beginnt mein Hintern unangenehm zu schmerzen, das ungewohnte Zusatzgewicht auf dem Rücken macht sich bei der vorgebeugten Haltung nun doch sehr störend bemerkbar.

Nach einer kurzen Verschnauf- und Trinkpause sitze ich wieder auf und quäle mich weiter das steile und felsige Stück bergauf, ständig gegen die schmerzhafte Sitzsituation ankämpfend. Am Ende dieser steilen Passage treffe ich wieder auf Sepp und Jochen, die auf mich warten. Am Anfang der nun flacheren Passage machen wir ein paar Fotos mit dem felsigen Abbruch des Hochfelln im Hintergrund. Über uns kurbeln währenddessen ein paar Drachen- und Gleitschirmflieger in der Sommerthermik. Dort oben herrschen sicher angenehmere Temperaturen als hier unten am Boden.

Nach ein paar weniger anstrengenden Serpentinen erreichen wir den höchsten Wegpunkt für heute bei der Eschelmoos Alm (1060 m). Nach kurzer Trinkpause geht es dem Forstweg zur Röthelmoos Alm folgend immer wieder leicht bergab und bergauf, auf der wir schließlich nach einer längeren und schnellen Bergabfahrt landen. Wir folgen der Standardroute entlang des Wappbaches hinunter zum Weitsee, einer Strecke, die vermutlich jeder von uns schon ein Dutzend Mal gefahren ist. Im Laufe der rasanten Abfahrt verliere ich dreimal die unter dem Querrohr befestigte Trinkflasche, so daß ich sie schließlich in die andere umfülle. Unten am Weitsee geht es rechts neben der Fahrstraße entlang und dann rechts ab auf "Neuland" über einen mäßig schmalen, aber gut gepflegten und nicht zu steilen Weg zur Sotter Alm hinauf und von dort hinab nach Reit im Winkl.

Im Ort, es ist kurz nach 13:00 Uhr, überlegen wir, was Priorität hat, ein gepflegtes Mittagessen oder die Zimmersuche. Wir entscheiden uns für ersteres und werden nach kurzer Suche in einer Seitenstraße unweit der Touristeninformation fündig. Es gibt Spaghetti la Bolognese und dazu Radler, genau das Richtige für unseren Seelenzustand. Mittlerweile dürften es gut über 30 C sein und wir überlegen, ob wir angesichts der frühen Zeit noch weiterfahren oder lieber wie geplant hierbleiben und ins nahegelegene Freibad gehen. Wir entscheiden uns für letzteres, doch zuerst gilt es, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Das gestaltet sich schwieriger als vermutet; beim Fremdenverkehrsamt gibt es eine Liste der in Frage kommenden Quartiere, aber das Abklappern der Adressen bleibt lange erfolglos, weil entweder ausgebucht ist oder eine Unterkunft für nur eine Nacht für den Wirt zu uninteressant ist. Dadurch, daß wir zu dritt sind, passen wir auch nicht recht in das Übernachtungsschema; es gibt schließlich ein freies Doppelzimmer, aber keine Möglichkeit für den Dritten. Auf Empfehlung finden wir noch ein Einzelzimmer in einem anderen Haus, welches ich erleichtert beziehe.

Die Wirtin ist superfreundlich und weist mir das winzige Zimmer (ÜF: 40,- DM) zu, welches zwar nicht über eine Dusche, aber dafür über einen Balkon verfügt und in direkter Nachbarschaft zum Schwimmbad liegt. Den restlichen Nachmittag verbringen wir auch genau dort, wo es sich angesichts der Temperaturen sehr gut aushalten läßt. Abends finden wir uns beim Italiener ein, um uns mit Pizza und Nudeln für den nächsten, etwas anspruchsvolleren Tag zu stärken.

Etappe 2: Reit im Winkl - Steinberg Haus

Tabelle 3: Daten der zweiten Etappe
RouteReit im Winkl - Lackalm - Schnappenalm - Ellmau - Hartkaser - Westendorf - Steinberg Haus
DatumSonntag 29.07.2001
Entfernung77,7 km
Netto Fahrzeit5:31 h
Brutto Fahrzeit7:14 h
Bergauf2109 m
Bergab1910 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag2.gpx (Kartenansicht)
Karten BLM Chiemsee und Umgebung, freytag & berndt WK 301, DAV 34/1

Sepp hat mir seinen Wecker geliehen, allerdings war das unnötig, denn um viertel vor sechs werde ich von allein wach und stehe auf. Das Frühstück gibt es um 7:00 Uhr, Brötchen, Marmelade, Käse, Wurst und sogar ein Ei; also nichts zu klagen, so kann ein Tag beginnen. Nach dieser frühmorgendlichen Stärkung hole ich das Rad aus der Garage und fahre zu den anderen hinüber. Die sitzen noch beim Frühstück, das es entgegen allen Drohungen der weniger entgegenkommenden Wirtin doch schon um 7:15 Uhr gab.

Nach kurzer Kettenpflege sitzen wir auf, es ist 7:55 Uhr, und machen uns in Richtung Kössen auf den Weg. Wir folgen der noch wenig befahrenen Landstraße und biegen bei Kössen in Richtung Seilbahn, dann am Campingplatz vorbei auf langsam ansteigender Asphaltstraße in Richtung Schnappen ab. Bald bewegen wir uns über Schotter durch eine Schlucht, die unter den Kössener Gleitschirmfliegern als "Bermudadreieck" bekannt ist. Mit stets angenehmer Steigung geht es durch das schattige Tal, schließlich in Serpentinen immer höher. Bald ist die Lackalm erreicht, auf der uns die Sennerin freundlich begrüßt. Ab hier geht es schiebenderweise über die Almwiese, den rot/weißen Wegmarkierungen entlang. Zwischendurch sitzen wir auf, aber es lohnt sich kaum, da es immer wieder um felsige Ecken zwischen Latschenkiefern hindurchgeht. Als Entschädigung haben wir ständig einen phantastischen Blick auf die Ostseite des Wilden Kaisers. Nach einer Weile treffen wir auf eine gut ausgebaute Schotterpiste, die bergab zur Schnappenalm führt.

Abb. 2: Wh.  Altmühl
Abb. 2: Wh. Altmühl
Von der Schnappen Alm kommend haben wir ständig die Ostseite des Wilden Kaisers im Blick.

Von dort geht es in rascher Fahrt die Serpentinen hinab, stets mit dem schon erwähnten Panoramablick zum Wilden Kaiser. Unten passieren wir das Gasthaus Altmühl, dahinter wechseln wir nach links auf die mäßig stark befahrene Landstraße in Richtung St. Johann. In Bärnstetten, praktisch am Talgrund, biegen wir rechts ab auf eine schmale Asphaltstraße, der wir weiter gemäß Radwegbeschilderung folgen. Hier geht es unterhalb vom Niederen Kaiser immer wieder leicht bergauf und bergab, mal auf Schotter, dann wieder auf Asphalt, mal durch Wiesen, dann wieder durch Wald, bis die Beschilderung nach Going weist. Hier leisten wir uns noch einen kleinen Umweg bei "Prama", erkennen jedoch den Fehlgriff und fahren wieder bergab zurück zur letzten Abzweigung.

In Going findet gerade ein Dorffest mit Trachtenumzug statt, so daß wir nicht dem Radweg folgen können, sondern auf die stark befahrene Hauptstraße bis kurz vor Ellmau ausweichen müssen. Dort nutzen wir die Gelegenheit, in einem Supermarkt einzukaufen, der trotz des Sonntags geöffnet hat. Beim Verspeisen der neuen Vorräte fährt eine größere Gruppe Mountainbiker vorbei, die ähnlich wie wir bepackt sind. Wir vermuten gleich, daß es sich hierbei um die Teilnehmer einer "Serac Joe"-Tour handelt, die ebenfalls über die Krimmler Tauern zum Gardasee fahren. Nach der Erfrischung geht es weiter, vorbei an der Talstation der Hartkaserbahn, zunächst auf Asphalt leicht ansteigend. Im Schatten der Bäume tauchen bald zwei Mitglieder der erwähnten Reisegruppe auf, die sich hier eine Pause genehmigen; wenig später in einer Rechtskurve wartet eine schlaksige Figur mit längeren Haaren, die Jochen als den legendären Achim Zahn alias "Serac Joe" identifiziert.

Mittlerweile ist es gehörig warm; der größte Teil der steileren Streckenabschnitte liegt in der prallen Sonne, zusätzlich ergänzt durch absolute Windstille. Die eben noch in Ellmau getankte Flüssigkeit verläßt mich langsam, aber stetig über alle Hautporen. So nach und nach holen wir einige Mitglieder der Zahn-Gruppe ein und ich erkundige mich im Vorbeifahren, ob unsere Erkenntnis richtig ist. Sepp und Jochen sind mir wieder vorausgeeilt, warten aber nach 2/3 der Strecke im Schatten auf mich, damit wir den Rest der Strecke bis zum Gipfel gemeinsam fahren können.

Oben an der Hartkaser Bergstation geht es relativ lebhaft zu, die Bahn fördert anscheinend einiges an Fußgängern nach oben. Die Zahn-Gruppe läßt sich zu einer ausgiebigen (Nach-) Mittagspause nieder. Das Ambiente ist allerdings nicht sehr einladend, die Verpflegung nicht gerade kostengünstig, und außerdem läßt das Wetter stark nach, so daß der Panoramablick auf die Südseite des Wilden Kaisers nicht recht genießbar ist. In Richtung Nordwesten hat sich eine Gewitterzelle gebildet, die ihre Wolkenausläufer bereits bis zu uns ausstreckt. Wir bleiben daher nicht sehr lange, fahren den Weg bis zur letzten Abzweigung zurück und folgen diesem dann weiter nach rechts. Die Fahrspur schlängelt sich über den Gipfelbereich zunächst Richtung Hohe Salve, dann nach Süden, wo es schließlich nach Brixen bergab geht, zunächst noch auf Schotter, später auf Asphalt. Dabei bekommen wir einzelne Regentropfen ab, es bleibt aber glücklicherweise dabei, da das Gewitter östlich weiterwandert. Wie wir abends erfahren, hat es zu Hause ordentlich geschüttet.

Unten orientieren wir uns nach rechts auf die Fahrstraße, biegen aber bei der nächsten Gelegenheit links ab, über die Bahngleise auf den Radweg. Dem folgen wir nach Westendorf, durch den Ort hindurch und dann weiter Richtung Rettenbach. Dahinter beginnt die Mautstraße, der wir glücklicherweise keinen Tribut zollen müssen, und bald ist das rechts an der Straße liegende Steinberg Haus erreicht. Hier beziehen wir zu meinem Erstaunen tatsächlich ein Dreibettzimmer mit Dusche und WC. Die Fahrräder kommen in einem Ski-Schuppen unter, in dem allerlei älteres Gerümpel untergebracht ist. Damit uns die Zahn-Gruppe nicht einparkt, stellen wir die Räder seitlich und schließen sie zusammen. Wir buchen Halbpension (370,- ÖS), so daß wir uns abends an einem dreigängigen Menü mit äußerst großzügigen Portionen erfreuen können. Während wir auf der Terrasse das Essen erwarten, leeren wir ein Radler nach dem anderen und verfolgen das Eintreffen der Zahn-Gruppe und einer weiteren Dreier-Transalpgruppe. Später am Abend sorgt die große Reisegruppe am Nachbartisch durch die nahezu unglaublichen Erzählungen ihres weitgereisten Führers für zusätzlichen Unterhaltungswert. Kurz nach 22:00 Uhr gehen wir zu Bett; das Frühstück soll es leider erst um 8:00 Uhr geben.

Etappe 3: Steinberg Haus - Krimmler Tauern Haus

Tabelle 4: Daten der dritten Etappe
RouteSteinberg Haus - Filzenscharte - Wald im Pinzgau - Krimmler Tauern Haus
DatumMontag 30.07.2001
Entfernung47,4 km
Netto Fahrzeit3:52 h
Brutto Fahrzeit5:23 h
Bergauf1597 m
Bergab890 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag3.gpx (Kartenansicht)
KartenDAV 34/1, DAV 35/3

Um 7:00 Uhr stehen wir auf; über Nacht hat es doch noch geregnet, aber in Richtung Süden lockert die Bewölkung schon auf, talauswärts ist noch alles zugezogen. Um halb acht ist das Frühstücksbuffet bereitet; neben Müsli und Brötchen in mehreren Varianten gibt es eine vorzügliche Auswahl an Käsesorten und Obst. Beim Frühstück finden sich alle Transalpreisenden (zusammen immerhin 19) ein, und wir haben Gelegenheit, die Routen miteinander auszutauschen. Nach dem reichhaltigen Frühstück sind wir die ersten, die aufbrechen. Auf Asphalt geht es langsam ansteigend weiter; es sind ca. 10 C, und die Luftfeuchtigkeit liegt irgendwo bei 90 %; ich habe mir Armlinge angezogen, was Sepp und Jochen belächeln, aber mir ist es so ganz angenehm.

Die Piste wird schließlich schottrig, bleibt aber immer gut fahrbar. Den ersten Weghinweis zur Filzenscharte lassen wir links liegen und fahren weiter bis an eine Weggabelung, die nach links hin nur mit "Rotwandalm" beschildert ist. Eigentlich sollte es hier zur Filzenscharte hochgehen; so windet sich auch links am Hang eine Fahrspur weiter hinauf, und geradeaus geht es Richtung Talschluß. Trotz unserer DAV-Karte ist nicht eindeutig auszumachen, ob die linke Wegabzweigung nun die richtige ist oder nicht; denn die Serpentinen sind auf der Karte offensichtlich nicht erkennbar, und zur Rotwandalm sollte es eigentlich geradeaus weitergehen. Als den rechten Weg ein älterer Herr mit Filzhut und Gamsbart in seinem Geländewagen herabgefahren kommt, halten wir ihn an und fragen nach dem Weg. Er erklärt, daß der rechte Weg zur Filzenscharte führt; das ist allerdings nicht das, was wir hören wollen. Den linken Wegabzweig kommt nach kurzer Zeit ebenfalls ein PKW heruntergefahren, den wir ebenfalls anhalten. Die Fahrerin erklärt uns, daß der linke Abzweig der richtige sei. Diesen befahren wir dann auch und erkennen bald auf einer weiteren Beschilderung, daß es sich um den "Foischingweg" handelt, der uns dann auch zur Oberen Foischingalm führt.

Abb. 3: Filzenscharte
Abb. 3: Filzenscharte
Hinter der Filzenscharte treffen wir wieder auf eine großzügig ausgebaute Forststraße.

Währenddessen ziehen von Norden her langsam niedrige Wolken ins Tal; für den Nachmittag ist zwar Wetterbesserung vorhergesagt, aber so spät ist es natürlich noch nicht. Es fängt leicht an zu tröpfeln, allerdings nur nieselregenartig; zu wenig, um ein Umziehen nötig zu machen. Trotz der niedrigen Temperaturen kommen wir ins Schwitzen, machen jedoch schnell Höhe, und bald können wir die Reisegruppe vom Achim Zahn im Tal unter uns ausmachen. Hinter der Foischingalm geht es etwas flacher nach Süden, über eine kürzlich erst neu präparierte Forststraße. Kurz hinter dem höchsten Punkt geht es dann links ab auf einen deutlich markierten Pfad zur Filzenscharte. Die rund 300 m schieben wir problemlos über das holprige Gelände; auf der anderen Seite treffen wir wieder auf eine gut ausgebaute Forststraße. Dieser folgen wir bergab, dabei geht es gelegentlich durch flache Furten und vorbei an einem Hochmoorgelände, das durch einen Minibagger mit Entwässerungsgräben durchzogen wurde. Wir fragen uns, wie so etwas in einem Naturschutzgebiet zulässig sein kann.

Weiter geht es durch den forstwirtschaftlich intensiv genutzten Wald in schneller Fahrt bergab. Bald geht der Forstweg in Asphalt über, und wir rauschen mit 60 km/h den Hang hinunter. Ein paar hundert Meter, bevor wir den Talgrund erreichen, ist rechts ein Pfad in Richtung Neukirchen/Rosental ausgeschildert. Den schlagen wir ein und schlängeln uns durch den ebenen Waldpfad hinunter, froh über etwas Abwechslung beim Untergrund. Unten treffen wir auf eine Fahrstraße, der wir nach rechts folgen. Bald biegen wir links ab und gelangen so zum sehr belebten Tauern Radweg. Im Ort Wald kommen wir an der Post vorbei, so daß ich die Gelegenheit nutzen kann, den ersten vollen Film zum Entwicklungslabor zu senden. Wir fahren weiter das Tal entlang und achten darauf, wieder nach links auf den Radweg zu kommen. Der führt auch bald in leichter Steigung durch den Wald; die Krimmler Wasserfälle, denen wir uns nun langsam nähern, sind ebenfalls ausgeschildert. Nach einer Weile sehen wir die Reisegruppe von Achim Zahn rechts unterhalb von uns über die Landstraße fahren.

Abb. 4: Tunnel
Abb. 4: Tunnel am Eingang des Krimmler Tales
Sepp und Jochen fahren in den 429 m langen, unbeleuchteten Tunnel in der Nähe der Krimmler Wasserfälle ein.

In der Höhe von Krimml führt der Weg über eine Brücke, von der man die Wasserfälle schon rauschen hört. Wir landen am stark frequentierten Parkplatz für die Besucher der Wasserfälle, nahe an der Mautstation zum Gerlospaß. Nach dem Auffüllen der Trinkflaschen folgen wir der Paßstraße zwei Kehren weit bergauf und biegen dann auf die links abzweigende Forststraße zum Krimmler Tauern Haus ein. Hier geht es zunächst etwas steiler, später gemütlicher bergauf, dann auch wieder bergab zum oberen Wasserfall. Hier ist die Fußgängerdichte auf den kreuzenden Wegen recht hoch, so daß wir, ohne langen Aufenthalt flüchten, schon ganz gespannt auf den Tunnel. Dort angelangt, nerve ich Jochen und Sepp mit einem weiteren meiner nun schon berüchtigten Fotoshootings. Da man geradeaus durch den Tunnel bis zum anderen Ende sehen kann, packen wir die Taschenlampe gar nicht erst aus, sondern wagen uns so in das schwarze Loch. Wir sind auch kaum 40 m hineingefahren, da fährt von der anderen Seite einer der zahlreichen Taxibusse ein, so daß wir so zu einer Begegnung kommen, die wir uns gerne erspart hätten. Wir drücken uns so weit es geht rechts an die Wand und warten, bis er uns passiert hat. Dann geht es weiter dem Licht entgegen.

Kurz hinter dem Tunnel mündet der von den Wasserfällen kommende Fußweg in die Straße ein, so daß wir nun um zahlreiche Fußgänger herum in das sich langsam öffnende Krimmler Achental hineinfahren. Die Krimmler Ache, die die Wasserfälle speist, führt reichlich Wasser und fließt auch hier noch stark bewegt durch die Felsbrocken. Weiter oben wird der Talboden praktisch topfeben, und der Fluß fließt in ruhigen Mäandern dahin. Der Fußgängerstrom versiegt hinter den Jausenstationen am Talanfang rasch, so daß wir ungestört vorankommen. Bis zum Krimmler Tauern Haus rollen wir leicht pedalierend die Schotterstraße entlang und genießen den Ausblick auf die rechts und links steil aufragenden Felswände.

Im Unterkunftshaus beziehen wir nach dem Abstellen der Schuhe im Trockenraum das mit 16 Betten bestückte Lager Nr. 2 (ÜF: 276,- ÖS); auch die uns vom Steinberg Haus schon bekannte zweite Dreiergruppe wird später dort einquartiert. Anschließend ist die übliche Hygiene angesagt, wie Duschen, Fahrradbekleidung waschen, Radler trinken etc.; es gibt nur eine elektrisch beheizte Notdusche, so daß ich auf meinen Waschlappen zurückgreife. Die Sitzgelegenheiten draußen in der Sonne sind alle belegt, so daß wir drinnen in der warmen Stube ein verspätetes Mittagessen zu uns nehmen. Für die Fahrräder gibt es eine Bikegarage, die sich mit allen Rädern der Alpencrosser proppe füllt. Später treffen wir auf der sich allmählich leerenden Terrasse eine Gruppe Österreicher, die heute ihre dreitägige Großvenediger-Umrundung mit dem Mountainbike beendet.

Unser Abendessen nehmen wir in einem verandaähnlichen Anbau ein, die Gaststuben sind alle belegt; die Übernachtungskapazitäten werden heute anscheinend gut genutzt. Um kurz vor 22:00 Uhr machen wir uns auf ins Bett; dabei lerne ich einige kleinere Nachteile einer Hüttenübernachtung (meine erste) kennen. Obwohl es erst um 7:00 Uhr Frühstück gibt, haben sich bereits vor uns einige Gäste ins Bett begeben, die natürlich nicht durch uns gestört werden wollen. Also gilt es, die Utensilien für die Abendhygiene und für das Bett mit notdürftigster bzw. unzureichender Beleuchtung aus dem vollbepackten Rucksack zu fischen, sich später in dem im ersten Stock gelegenen Bett auszubreiten und es sich bequem zu machen; keine leichte Übung, zumal die 1,90 m messenden Betten nicht jeder Körperlänge gerecht werden. Weiterhin erwähnenswert bleibt, daß sich bei solchen Schlafgegebenheiten ein guter Gehörschutz bewährt, denn ein Schnarcher ist mindestens dabei; hier waren es zwei.

Etappe 4: Krimmler Tauern Haus - Kronplatz

Tabelle 5: Daten der vierten Etappe
RouteKrimmler Tauern Haus - Krimmler Tauern Paß - Ahrntal - Bruneck - Kronplatz
DatumDienstag 31.07.2001
Entfernung78,8 km
Netto Fahrzeit7:21 h
Brutto Fahrzeit11:14 h
Bergauf2311 m
Bergab1740 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag4.gpx (Kartenansicht)
KartenDAV 35/3, Tabacco 035, Tabacco 033

Kurz nach 6:00 Uhr stehen wir auf und suchen im Halbdunkel der Stube unsere Sachen zusammen; dabei kann ich die Hülle meines Hüttenschlafsacks beim besten Willen nicht mehr finden, erst abends wird sie in der linken Tasche meiner Freizeithose wieder auftauchen. Im Waschraum sind wir noch vor der Zahn-Gruppe und entgehen so einem Stau vor den drei Waschbecken. Das Frühstück nehmen wir in einer Gaststube ein, zusammen mit den drei anderen Transalp-Fahrern; es gibt Müsli, Marmelade, aufgeschnittenes Graubrot, Käse und Wurst. Für die weitere Route werden wir uns von der Zahn'schen Reisegruppe trennen, denn diese will den Alpenhauptkamm über die Birnlücke queren und dann an Bruneck vorbei weiter auf das Astjoch. Die anderen drei werden wie wir die Route über den Krimmler Tauern Paß wählen, wobei uns die Unterschiede beider Varianten nicht ganz klar sind. Am Vorabend hatte mir ein Teilnehmer der Venediger-Umrundung erklärt, bei der Tauern-Paß-Variante wäre das Rad leichter zu schieben, bei der Birnlücke wären mehr Tragepassagen dabei. Beim Frühstück diskutieren wir noch kurz einen Vorschlag unserer drei Kollegen, aus dem Ahrntal wieder auf 2500 m zur Hasenscharte hoch zu fahren, um darüber den nächsten Gebirgsgrad zu queren; wir legen uns nicht fest, wollen es auf unsere Fitnesssituation im Ahrntal ankommen lassen und uns dann spontan entscheiden.

Abb. 5: Firnfeld am Krimmler Tauern Paß
Abb. 5: Im Windbachtal
Der Weg im Windbachtal ist trotz geringer Steigung kaum zum Fahren geeignet.

Die Sonne beleuchtet gerade ein paar Bergspitzen auf der westlichen Talseite, als wir aufbrechen; es sind nur 6 C unter dem wolkenlosen Himmel, so daß ich mir Arm- und Beinlinge anziehe. Nach kurzer Fahrt biegen wir rechts ab auf die in das Windbachtal hinaufführende Fahrspur. Am Taleingang scheint bereits die Sonne und gibt nicht nur willkommene Wärme, sondern auch ein wunderbares Fotolicht ab. Bis zur Windbachalm ist der Weg fahrbar ausgebaut, dahinter beginnt ein Pfad, der zum größten Teil aus in mühsamer Handarbeit gelegten flachen Felsbrocken besteht. Solange es flach ist und die Fugen zwischen diesen Blöcken nicht zu groß sind, ist der Weg fahrbar. Meist ist das allerdings nicht der Fall, so daß wir ausgiebig Gelegenheit bekommen, unsere Räder zu schieben. In irgendeiner Fahrpassage verliere ich auch wieder einmal meine untere Trinkflasche und muß ca. 50 m zurücklaufen, bis ich sie finde. Die Vegetation ist im gesamten Tal vollkommen baum- und strauchlos, gelegentlich pfeifen uns die Murmeltiere ihr Warnsignal entgegen, eine handvoll Schafe sucht sich am Talboden ihr Futter. Der Pflanzenbewuchs wird immer spärlicher, und in den höheren Regionen rundherum erkennen wir einige Firnfelder, aus denen sich vermutlich die zahlreichen Bachläufe speisen. Am Talende geht es auf die linke Talseite hinüber, immer stetig bergan, aber wegen der zunehmenden Steilheit praktisch durchgehend unfahrbar.

Abb. 6: Firnfeld am Krimmler Tauern Paß
Abb. 6: Firnfeld am Krimmler Tauern Paß
Sepp und Jochen bei der Passage des ersten Firnfeldes unterhalb vom Krimmler Tauern Paß.

Rund 150 m unter dem Paß treffen wir auf das erste Firnfeld; der weitere Wegverlauf bleibt jedoch nicht darunter verborgen, sondern ist dicht gestaffelt mit rot/weißen Holzstangen gut sichtbar markiert. Der eigentliche Pfad ist nun nur noch teilweise nutzbar, da er immer wieder durch Firnfelder unterbrochen ist. Ein paar Mal geht es noch über unwegsame Felsen, zum Schluß nochmal über zwei längere Schneepassagen, bis wir zur Paßhöhe gelangen. Von dort gibt es einen phantastischen Ausblick auf die umgebende Bergregion; nach Osten hin sehen wir zur Birnlücke, wo gerade die Zahn-Gruppe, die einzelnen Teilnehmer wie an einer Perlenschnur aufgereiht, ein langgestrecktes Firnfeld bergab überquert; etwas unterhalb erkennt man die Birnlückenhütte. Auf der Südseite des Passes, der wie ein schmaler Durchgang zwischen den Felsen liegt, gibt es einen kleinen Unterstand, den wir für eine Fotosession nutzen.

Der weitere Wegverlauf führt ebenso steil bergab, wie wir hinaufgekommen sind, und so müssen wir zunächst ein paar Stufen hinabsteigen, die sogar gegen Absturz mit einem Geländer gesichert sind. Der Pfad windet sich in dem schon vom Windbachtal her bekannten groben Pflaster, oft in Stufen und nur selten fahrbar in fast gleichmäßig steilen Serpentinen hinab zum Talboden. Wann immer es geht, sitzen wir auf, manchmal nur für ein paar Meter. Schon auf den ersten 100 Höhenmetern fahre ich mir dabei den Hinterreifen platt; der Luftdruck war anscheinend etwas zu niedrig, so daß ich mir an einer der zahlreichen querenden Regenrinnen, die aus flachen, hochkant ausgerichteten Natursteinen gebaut sind, einen "Schlangenbiß" zulege. Leider liegt eines der beiden Löcher genau auf einem alten Flicken, so daß der Reifen nach der Reparatur nicht mehr 100 %ig dicht hält. Mühselig vernichten wir so die kostbare Höhe; am nächsten Tag werde ich Muskelkater in den Oberarmen haben, da die fahrbaren Passagen (näherungsweise 20 %) ungewohnten Krafteinsatz verlangen.

Abb. 7: Abfahrt ins Ahrntal
Abb. 7: Abfahrt ins Ahrntal
Jochen meistert den steilen Pfad unterhalb vom Krimmler Tauern Paß.

Am Talboden angekommen, fährt gerade Achim Zahn mit seinem letzten Schützling an uns vorbei. Wir sind nun seit etwas über fünf Stunden unterwegs, davon sind gut drei Stunden Rollzeit, in der wir jedoch nur 11 km zurückgelegt haben. Meine Füße fühlen sich angesichts der vielen Lauferei auch etwas strapaziert an, zum großen Teil verursacht sicher auch durch die leichten Klickpedalschuhe, die für solche Passagen unbestritten nicht die erste Wahl sind. Bevor es den feinschottrigen und von Fußgängern wieder recht stark frequentierten Fahrweg weiter bergab geht, gönne ich dem Hinterrad noch etwas Luft und fasse den Entschluß, mir spätestens in Bruneck einen neuen Schlauch zuzulegen. Wir fahren bald einen wohl als Fußweg gedachten Pfad zwischen Steinmauern entlang und später, nach erneutem Auffüllen der Trinkflaschen, auf der mehr oder weniger stark befahrenen Teerstraße. Ein begleitender Radweg ist hier nicht vorhanden, der beginnt erst ca. 4 km vor Sand in Taufers.

Wir nutzen das leichte Gefälle der Straße und fahren mit einem Schnitt von 36 km/h das Ahrntal hinunter. Schließlich biegen wir nach links auf den ruhigeren Radweg ein, der vor Sand in Taufers dann nochmal die Flußseite wechselt. Im Ort erkundige ich mich nach einem Fahrradladen; es ist jedoch kurz vor zwei Uhr, und beide Läden haben geschlossen. Also geht es weiter auf einer Nebenstrecke links des Ahrnbachs in Richtung Bruneck; die Temperatur messen wir während einer kurzen Pause mit 33 C, der Himmel ist strahlend blau, ohne eine Spur von Wolken. In Bruneck finden wir an einer Straßenkreuzung einen geöffneten Supermarkt, in dem wir uns mit einem Mittagessen versorgen. Im Stadtzentrum, es ist mittlerweile kurz nach 15:00 Uhr, kaufe ich einen neuen Schlauch und neue, sündhaft teure Mineraltabletten (13.000 Lit.), die es in Italien anscheinend nur in Apotheken zu entsprechenden Preisen gibt. Kurz bevor wir die Stadt wieder verlassen, sehen wir noch ein Mitglied der Zahn-Gruppe mit einer Felge durch die Fußgängerzone eilen.

Anschließend setzen wir den Weg fort in Richtung Talstation der Gondelbahn; dort angekommen, füllen wir nochmals die Trinkflaschen auf, und ich nutze die Gelegenheit, meinen undichten Schlauch, der in jahrelanger Pflege immerhin sieben Flicken angesammelt hat, loszuwerden. Der ursprünglichen Planung nach wäre die Etappe hier zu Ende und der Anstieg zum Kronplatz erst für den nächsten Tag vorgesehen. Der sportliche Ehrgeiz meiner Kollegen war nun aber entfacht und Sepp, der wohl noch den gestrigen langen Nachmittag im Krimmler Tauern Haus unangenehm in Erinnerung hatte, wollte die folgenden 1200 Höhenmeter lieber heute noch hinter sich bringen. Also willigte ich trotz der fußgängerischen Strapazen vom Vormittag ein, wobei die Perspektive auf eine schattige Auffahrt am Osthang des Berges wohl nicht ganz unbeteiligt war. Leider stellt sich der in Richtung Kronplatz ausgeschilderte Weg dann doch nicht als so schattig heraus. Er quert auch ein paar Mal die neue Skipiste, auf der Bagger und andere Baufahrzeuge in glühender Hitze und teilweise in feinem Staub bei der Arbeit sind.

Bei der vierten Pistenquerung wird gerade eine Liftstation gebaut, leider mitten auf dem Fahrweg, so daß wir durch einen 2 m tiefen Graben steigen müssen, bevor wir an Planierraupen und Bagger vorbei weiter bergauf fahren können. Mir schwinden langsam die Kräfte, zudem schmerzen Hintern und Füße zunehmend, so daß ich dem Tempo von Sepp und Jochen nicht folgen kann. Bald sind sie außer Sichtweite, und ich fahre meinen eigenen Rhythmus, gelegentlich durch kurze Pausen unterbrochen. Nach scheinbar endloser Fahrt kommt die Gipfelregion in Sichtweite, und der Fahrweg führt in letzten Bögen über den sonnenbeschienenen Wiesenhang; teilweise zu steil für mich, so daß ich das Rad ein kurzes Stück schiebe. Die Temperaturen sind mittlerweile recht erträglich, allerdings fällt auch das Sonnenlicht schon bemerkenswert schräg ein, schließlich ist es schon kurz nach 18:00 Uhr. Das letzte Stück hinauf zur CAI-Hütte fahre ich mit einem ziemlich entkräfteten und verschlissenen Gefühl, kaum noch eine bequeme Sitzposition findend.

An der Hütte treffen wir auf eine Fünfergruppe, die ebenfalls auf einer Transalptour unterwegs ist und neben uns die einzigen Gäste sind. Sie kommen von der Brenner Grenzkammstraße und wollen morgen, wie wir, über die Fanes Alm, sich nach der Übernachtung dort aber weiter östlich halten. Ihre heutige Tagesetappe bestand lediglich in der Bezwingung des Kronplatzes; vernünftige Leute. Wir beziehen ein eigenes Zimmer (HP: 60.000 Lit.), das mit vier Stockbetten ausgestattet ist. Das Bad ist auf dem Gang, aber wir sind froh, daß es heute überhaupt eine Dusche gibt. Zur Belohnung für alle heutigen Anstrengungen fällt das Abendessen überaus üppig aus; von den betont radfahrerfreundlichen Wirtsleuten gibt es ein dreigängiges Menü mit Salat und Lasagne, Schnitzel mit Bratkartoffeln und Blaukraut, abschließend noch Apfelstrudel oder alternativ einen Grappa. Von den Anwesenden hat allerdings nur einer den Strudel bestellt, ich wäre wahrscheinlich geplatzt.

Von der Hütte aus hat man einen tollen Blick nach Norden auf den Alpenhauptkamm. Im Laufe des Abends können wir verfolgen, wie sich von Westen her das Wetter auf der Alpennordseite ändert. Die Wolken wandern langsam, aber sichtbar nach Osten weiter, bleiben jedoch scheinbar am Hauptkamm hängen.

Etappe 5: Kronplatz - Rifugio Incisa

Tabelle 6: Daten der fünften Etappe
RouteKronplatz - St. Vigil - Fanes Alm - Passo Limo - Cl de Locia - St. Kasian - Pralongia Hütte - Rifugio Incisa
DatumMittwoch 01.08.2001
Entfernung49,9 km
Netto Fahrzeit4:44 h
Brutto Fahrzeit7:44 h
Bergauf1830 m
Bergab2380 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag5.gpx (Kartenansicht)
KartenTabacco 033, Tabacco 031, Tabacco 07

Um 6:30 Uhr stehen wir auf; ich habe in dem etwas zu kurzen Bett dennoch ganz gut geschlafen und bin schon auf das Frühstück gespannt. Mein Magen hat die riesige Portion von gestern offenbar bereits verdaut und freut sich auf Nachschub. Es gibt zwei Spiegeleier mit Schinken, Apfelstrudel und Brötchen mit Marmelade, dazu eine große Kanne Kaffee und ebensoviel angewärmte Milch. Damit werden meine Erwartungen nicht enttäuscht. Die Wolken am Hauptkamm vom Vortag sind fast verschwunden, aber einige Wolkenfetzen haben es dennoch bis zu uns geschafft. Ein Zeichen dafür, daß wir uns auf feuchtere Luft gefaßt machen müssen. Wir verabschieden uns von den fünf alpencrossenden Kollegen, fahren zunächst die fehlenden 20 Höhenmeter zum Gipfelplateau hoch und bestaunen die schaurig schönen Liftanlagen, die sternförmig in alle Himmelsrichtungen angelegt sind. Nach Süden hin ist das Fanes-Massiv gut erkennbar, unser nächstes Ziel. Wir rollen über eine Fahrspur in Richtung Furkelsattel hinunter und gelangen auf einen Forstweg, dem wir durch die Serpentinen bergab folgen. Am Furkelsattel treffen wir wieder auf eine größere Baustelle, hinter der der Weg nach St. Vigil ausgeschildert ist. In rauschender Fahrt geht es bei idealem Fotolicht den Berg durch den aufgelockerten Nadelwald hinunter. In St. Vigil orientieren wir uns nach links, wo bald die Pederühütte ausgeschildert ist. Meine Beinmuskeln und mein Hintern machen von gestern her noch einen etwas gestreßten Eindruck, so daß ich beschließe, es heute etwas langsamer angehen zu lassen.

Abb. 8: Fanes Hütte
Abb. 8: Fanes Hütte
Auf der Fanes Hütte legen wir eine Pause ein und genießen von der Terasse den Ausblick auf die umliegenden Berge.

Wir rollen über die Asphaltstraße durch das mit Nadelbäumen bewachsene Tal, zu dessen Seiten steile Felswände spektakulär aufragen. Während der Fahrt werden wir immer wieder von PKWs überholt, ein unverkennbares Zeichen dafür, daß es vor uns etwas Bedeutendes zu sehen gibt. Und richtig, der Parkplatz vor der Pederühütte steht voller Autos, und auf beiden Wegen, die von hier zum Hochplateau abzweigen, herrscht reger Fußgängerverkehr. An der Infotafel treffen wir auf eine Bikergruppe, die gerade den Weg von der Fodara Vedla Hütte herabgefahren ist. Für sie ist es der letzte Tag einer sechstägigen Dolomitenrundfahrt. Wir machen uns mit nachgefüllten Trinkflaschen auf den Weg zur Fanes Alm. Mäßig steil geht es über blendend hellen Schotter in Serpentinen bergauf. Zunächst ähnelt die Landschaft eher einer überdimensionalen Kiesgrube, weiter oben ist der Talboden zwischen den großräumigen Schuttkegeln locker mit Nadelholz bewachsen. Der Weg verläuft dann nur noch leicht ansteigend durch das Hochtal, dessen Wände das Licht in verschiedenen Grau- und Rottönen zurückwerfen. Nach einiger Zeit erreichen wir eine Weggabelung, an der es rechts zur Valparella Hütte, links zur Fanes Hütte und weiter zum Limo Joch geht. Wir schlagen den ansteigenden Weg zur Fanes Hütte ein und machen dort eine längere Pause. Die Hütte macht einen sehr neuen und ausgesprochen gepflegten Eindruck (ÜF im Zimmer: 50.000 Lit). Leider fällt wegen unserer Etappenverschiebung die hier ursprünglich geplante Übernachtung aus, aber ich nehme mir vor, diese ein anderes Mal nachzuholen und nutze die Zeit unseres Aufenthalts, mich an einer Gemüsesuppe zu stärken.

Abb. 9: Gran Fanes
Abb. 9: Gran Fanes
Auf dem Weg zum Col de Locia geht es ohne Überwindung von großen Höhenunterschieden durch das Fanes Gebiet.

Weiter führt der Weg kurz, aber steil zum Limo Joch; dahinter geht es bergab an einem See vorbei und weiter zur Weggabelung, an der es links nach Cortina d'Ampezzo und rechts in unsere Richtung, nach St. Kasian geht. Hinter einem Almgebäude wird der Fahrweg zum breiten Fußweg, der sich bis zum Cl de Locia noch stets fahrbar durch das nicht endenwollende Hochtal zieht. Eindeutig handelt es sich hierbei um einen der attraktivsten Wegabschnitte unserer gesamten Tour. Auch hier sind relativ viele Fußgänger unterwegs, die uns praktisch alle entgegen kommen, da sie vermutlich den Weg, den wir hinabfahren wollen, aufgestiegen sind. Hinter einem Bachlauf steigt der Weg zunächst mehr an und fällt schließlich zwischen Latschenkiefern hindurch steiler, aber stets fahrbar ab. Irgendwann ist dann doch der steile Abbruch des Hochtales erreicht (Cl de Locia), und nun muß meist über schottrige, mit einem Geländer gesicherte Stufen hinab geschoben werden. Zwischendurch ist der zunehmend schottriger werdende Weg, auf dem uns auch immer wieder Leute entgegenkommen, einigermaßen fahrbar. Fast schon unten, rutscht mir in einer solchen Passage das Vorderrad weg, und ich muß mich über den Lenker hinweg von meinem Fahrrad verabschieden. Außer ein paar Schrammen an den Unterarmen und an den Knien passiert jedoch nichts. Zwanzig Höhenmeter tiefer ist der Talboden erreicht, auf dem viele Leute im Schatten der Bäume Picknick machen.

Wir passieren die belebte Gaststätte Capanna Alpina, an der wir unsere Trinkflaschen auffüllen, und anschließend einen größeren Parkplatz voller PKWs. Wir überqueren die folgende Landstraße und gelangen auf einen Schotterweg, der nach rechts zur Albergo Valparola führt. Dort geht es links über einen Fluß und dann der Beschilderung folgend nach "Pralongia". Zunächst durch eine parkähnlich wirkende Wiesenlandschaft, dann rechts ab über einen schottrigen Weg durch den lichten Wald stets bergan. Dabei ist es leider weniger schattig, als wir erhofft hatten, so daß wir wieder ordentlich ins Schwitzen kommen. Im oberen Teil des Weges sind ein paar steilere Abschnitte dabei, die uns intervalltrainingsartig in Atem halten. Schließlich endet die Fahrstraße an einem Almgebäude, und der weitere Weg führt über das ansteigende und baumlose Wiesengelände hinweg, an einer Spur und roten Markierungen gut erkennbar. Dieser Untergrund hat leider seine Tücken; so bietet er einen erheblichen Rollwiderstand und hat teilweise einen hochmoorartigen Charakter. An den sumpfigen Stellen erkennt man gut, daß schon andere Mountainbiker diesen Weg genutzt haben, vermutlich sogar mehr als Fußgänger. Teilweise schiebend kommen wir so zur höchsten Stelle des Pfades. Von dort haben wir einen schönen Blick auf die südlich gelegene Marmolada und nach Westen hin zur Sella.

Abb. 10: Alta Badia
Abb. 10: Alta Badia
Zur Pralongia Hütte geht es durch das idyllische Wiesengelände über leicht geschwungene Pfade bergab.

Die Pralongia Hütte, die wir als alternativen Übernachtungsort für heute ausgesucht haben, liegt unter uns. Nun geht es über trockene Spuren und leichte Buckel geschwungen zur Hütte hinab. Ich erkundige mich nach dem Preis für die Übernachtung (HP: 85.000 Lit.), worauf wir uns angesichts des wenig interessanten Charmes der Behausung entscheiden, etwas preisgünstigeres zu suchen, und fahren hinab zum Rifugio Incisa. Dabei verpassen wir eine Abzweigung nach links und landen in einer Sackgasse. Wir fahren ein Stück zurück und queren über einen Wiesenpfad zum Ju d'Inzija. Auf dem in der Nähe liegenden Rifugio Incisa sind die Preise in Ordnung (ÜF: 40.000 Lit.), so daß wir uns in einer Kammer mit ausgeprägter Dachschräge einquartieren lassen. Nach dem Duschen und Auswaschen der Kleidung lassen wir uns auf der Terrasse mit Blick auf die Marmolada bei Bier respektive Radler nieder. Wir sind die einzigen Gäste in diesem eigentlich nicht für Übernachtungen eingerichteten Haus und speisen abends, was die Karte noch an spärlichen Portionen hergibt, z.B. Gemüsesuppe, Polenta mit geschmolzenem Blauschimmelkäse und Apfelstrudel. Ohne Nachtisch wäre ich in diesem Fall nicht satt geworden.

Etappe 6: Rifugio Incisa - Obereggen

Tabelle 7: Daten der sechsten Etappe
RouteRifugio Incisa - Ornella - Passo Pordoi - Canazei - Moena - Karer Paß - Obereggen
DatumDonnerstag 02.08.2001
Entfernung71,7 km
Netto Fahrzeit5:58 h
Brutto Fahrzeit9:45 h
Bergauf1977 m
Bergab2297 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag6.gpx (Kartenansicht)
KartenTabacco 07, Tabacco 06, Tabacco 029

Wir haben das Frühstück für 7:00 Uhr bestellt; wie üblich sind wir ca. eine Viertelstunde zu früh unten und pflegen die Fahrräder noch etwas, die unter der Terrasse übernachten mußten. Ab Punkt 7:00 Uhr sitzen wir gespannt am Tisch, aber die Brötchen sind wohl noch mit dem Auto aus dem Tal unterwegs. Kaum 20 Minuten später treffen sie ein, worauf es in der Küche einen kleinen Disput zwischen Wirtin und Fahrer auf italienisch gibt. Außer Butter und Marmelade gibt es leider keinen Brotbelag, dazu einen Topf Kaffee und doppelt so viel angewärmte Milch. Wir putzen Brötchen und Marmelade mühelos weg, müssen bei den Brötchen sogar nachbestellen, da es im ersten Anlauf nur acht sind, was bekanntlich durch drei nur schlecht teilbar ist. Danach schwingen wir uns auf die Räder und rauschen den Schotterweg durch das sanft geschwungene und regelrecht lieblich wirkende Wiesengelände hinunter. Das Wetter sieht nicht sehr vielversprechend aus, die Sicht reicht durch die feuchte Luft nicht sehr weit (Marmolada ist nicht mehr sichtbar), und die dünnen Wolken liegen auf den umliegenden Bergen auf.

Abb. 11: Ornella Berge
Abb. 11: Ornella Berge
In den Ornella Bergen geht es bis kurz unterhalb vom Passo Padon schiebend durch die blumigen Almwiesen.

Wir tauchen in den Wald ein, und bald ändert die Landschaft ihren Charakter vollständig. Das Tal, in dem wir den an den Hang gebauten Ort Cherz passieren, ist ein enges und steiles, dicht mit Nadelwald bewachsenes V-Tal. Vom Kartenstudium her hatte ich mir eigentlich ein anderes Bild gemacht. Kurz vor Cherz wechselt der Belag zu Asphalt, wir fahren mit mäßiger Geschwindigkeit hinunter und fangen dabei erste Eindrücke der westlich von uns liegenden Sella ein. Die Bewölkung lockert nun langsam auf, erste Sonnenstrahlen fallen in das Tal und beleuchten den rötlich schimmernden Sella-Fels.

Unten an der Fahrstraße wenden wir uns nicht nach rechts direkt zum Passo Pordoi, sondern nach links, um über Ornella den Aufstieg zu den Ornella-Bergen zu wagen. Ich habe die Wegbeschreibung dafür in einem Mountainbikeführer gelesen und es für die interessantere Variante gehalten. Nach kurzer Strecke auf der Straße biegen wir nach rechts in einen Weg ein und kürzen damit den Weg zur Brücke etwas ab. Wir durchqueren einen kleinen Ort, überfahren die Brücke zur anderen Talseite und folgen der leicht ansteigenden Asphaltstraße nach links. Auch hier herrscht, wie an anderen Stellen der Tour, rege Bautätigkeit, und uns kommen einige schwer beladene LKWs auf der schmalen Straße entgegen. Bald beruhigt sich der Verkehr, und wir kommen in den im strahlenden Morgenlicht liegenden Ort Ornella. Hier zweigt unser Weg mit Natursteinuntergrund und kräftig ansteigend rechts ab. Zunächst ist er noch fahrbar, wird aber passagenweise sehr steil, so daß er mit meiner 20:32er Untersetzung zwar knapp erträglich ist, das Bedürfnis zum Runterschalten sich aber dennoch einstellt.

Wie einige Reifenspuren erkennen lassen, sind wir nicht die ersten Mountainbiker, die den Weg nutzen. Später zeigt sich an Bremsspuren, daß unsere Vorgänger schlauer als wir waren und den Weg bergab gefahren sind. Der Weg wird immer steiler und schmaler und ist, zumindest bergauf, die letzten rund 300 Höhenmeter nicht mehr fahrbar. Die Luft ist sehr feucht, so daß mir der Schweiß kontinuierlich in Tropfen an den Unterarmen herunterrinnt. Schließlich erreichen wir eine bucklige, aber sehr blumige Almwiese, auf die wir über einen Pfad einschwenken. Rechts oberhalb sind in einiger Entfernung alte militärische Stellungen im Felsen zu erkennen. Den Pfad entlang schieben wir weiter, schließlich quer über eine Kuh- und Pferdeweide, auf der ein Hirte mit seinem Trialmotorrad unterwegs ist, immer den Markierungen folgend, bis wir auf eine vom Passo Padon herabführende Fahrspur kommen. Hier sitzen wir wieder auf und radeln den grobschottrigen Weg hinab und wieder hinauf über das hügelige Ski-Gelände. Teilweise wird es aber auch hier wieder so steil, daß wir dem losen Schotteruntergrund Tribut zahlen müssen.

Abb. 12: Porta Vescovo
Abb. 12: Porta Vescovo
Unterhalb der Porta Vescovo rollen wir bergab mit Blick auf die Sella und den Paß Pordoi.

An einer Stelle unterhalb der Porta Vescovo hat es einen kleineren Erdrutsch gegeben; wir balancieren unsere Räder über das lose Geröll um einen schräg auf dem Gelände stehenden Bagger herum, während der Baggerführer dankenswerterweise mit seiner nicht ganz ungefährlichen Arbeit pausiert. Auf dem Weg hinab zur Paßstraße, die zum Passo Pordoi hochführt, treffen wir ein schon sehr verschwitzt wirkendes italienisches Paar, das, ihre beiden Kinder im Kindersitz, die Räder den Weg hoch fährt bzw. schiebt. Davon werde ich auf jeden Fall meiner Frau erzählen, die mir immer erklärt, wir wären die einzigen, die so einen anstrengenden Unsinn mit den Kindern machen würden. Kaum haben wir die Paßstraße erreicht, kommen von oben die Teilnehmer des "Giro delle Dolomiti", ein ca. 500 bis 600 Personen starkes Fahrerfeld, als farbenprächtiges Schauspiel die Straße heruntergerauscht. Sobald die Letzten vorbei sind, beginnt für uns die Bergauffahrt, die aufgrund der sehr gleichmäßigen Steigung angenehm zu fahren ist. Oben auf der Paßhöhe treten die Touristen gleich pulkweise auf, entsprechend ist das Angebot an Souvenierläden. Wir erfrischen uns nur kurz, machen das obligatorische Beweisfoto und stürmen die Asphaltstraße in Richtung Canazei hinab. Dabei haben wir allerdings den Einstieg in den alternativen Pfad 627 links der Straße verpaßt, so daß wir in einer Kehre anhalten und durch die Wiese dorthin wechseln. Über den Pfad geht es ohne Autoverkehr unterhaltsamer hinunter. Später fahren wir einen in Richtung Canazei beschilderten Pfad über die Ski-Piste hinab. Dahinter müssen wir doch wieder auf die Asphaltpiste und bauen dort den größten Teil der Höhe ab, bis rechts ein breiter Weg (655) ins Tal abzweigt, dem wir bis in den Ort Canazei folgen.

Im Ort halten wir Ausschau nach einem Bancomaten, da Sepp und mir bereits die Devisen ausgegangen sind. Mit wieder gefüllten Portemonnaies finden wir im nächsten Ort Campitello eine mir vom letzten Jahr her noch bekannte Pizzeria und legen, sehr zum Leidwesen von Sepp, zum ersten Mal eine kultivierte Mittagspause ein. Anschließend schwenken wir bei der Talstation der Seilbahn auf den Radweg links des Flusses ein und folgen diesem in rascher Fahrt bis Soraga. Dort wechseln wir die Talseite und fahren auf einer Nebenstraße nach Moena hinein. Über den Weg 520 und später 519 geht es auf gepflegter Fahrbahn nie zu steil zum Karer Paß hinauf. Oben gibt es das übliche Bild mit Andenkenläden und jede Menge Touristen. Wir fahren die Asphaltstraße hinab, werfen einen flüchtigen Blick zurück auf den Rosengarten, nach links auf den tief blaugrünen Karer See und schwenken in den mit Nr. 8 beschilderten Templweg ein. Dieser liegt anscheinend in seinem ganzen Verlauf auf einer Höhenlinie, so daß wir fast mühelos von einem Kurvenwechsel in den anderen durch den allmählich lichter werdenen Nadelwald rauschen. Zum Schluß geht es auf Asphalt noch etwas aufwärts nach Obereggen, wo wir uns nach kurzer Suche in der Pension Mayr (HP: 80.000 Lit.) einquartieren.

Hier treffen wir auf eine Dreiergruppe, die ihre Transalp von Innsbruck aus angegangen ist und morgen ihren letzten Tourtag nach der Passage des Jochgrimm abschließen wird. Zufällig haben sie die Zahn'sche Reisegruppe ebenfalls getroffen, und zwar auf der Brogles Hütte; klein ist die Welt der Transalpler. Abendessen und Unterbringung werden den zwei Sternen gerecht; die Weinempfehlung des Wirts, ein 1998er St. Magdalena, lassen wir uns auch nach dem Essen weiter schmecken. Ich belege ein Doppelzimmer für mich allein, zahle aber dennoch nur den normalen Tarif. Die Räder parken auf der Terrasse am Geländer, nicht sehr komfortabel, aber da es nicht regnet, macht das nichts.

Etappe 7: Obereggen - Monterovere

Tabelle 8: Daten der siebten Etappe
RouteObereggen - Reiterjoch - Tesero - Manghen Paß - Val Sugana - Monterovere
DatumFreitag 03.08.2001
Entfernung90,2 km
Netto Fahrzeit6:16 h
Brutto Fahrzeit8:33 h
Bergauf2475 m
Bergab2785 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag7.gpx (Kartenansicht)
KartenTabacco 029, Tabacco 014, freytag & berndt WKS 14, Kompass 631

Das Frühstück gibt es heute erst um kurz vor acht, dafür eines der gediegeneren Art. Das Buffet bietet endlich mal wieder was anderes als die ewigen Brötchen mit Marmelade, nämlich Müsli, bedarfsweise mit Milch oder Joghurt sowie Wurst und Käse. Also ein angenehmer Kontrast zum gestrigen Frühstück. Wir essen uns ordentlich satt, bezahlen und schwingen uns auf die Räder, dem Weg Nr. 9 vor der Unterkunft weiter bergauf folgend. Bald geht es auf gepflegtem Schotter entlang einer Ski-Piste sehr steil hinauf, das Frühstück im Magen rebelliert fast. Oben mündet der Weg in eine schmale Asphaltstraße, der wir zum Reiterjoch bergan folgen. Das Joch selbst ist so unscheinbar, daß wir schon den steilen Weg im gegenüberliegenden Ski-Gebiet für den Weg zum Joch halten. Ein kurzes Kartenstudium klärt den Irrtum, und wir rollen erleichtert über den Schotterweg in Richtung Tal, auch hier wieder an Baustellen für neue Lifte vorbei.

Abb. 13: Auffahrt zum Manghen Paß
Abb. 13: Auffahrt zum Manghen Paß
Die schmale Asphaltstraße windet sich in endlosen Sepentinen durch den dichten Nadelwald in die Höhe.

Die Malga Pampeago liegt bereits im Kern des örtlichen Ski-Gebietes; von da geht es auf einer gut ausgebauten Asphaltstraße dem Talverlauf folgend bis nach Tesero. Hier besorge ich in einer Bäckerei meine Mittagsverpflegung, von der ich mutmaße, daß ich sie irgendwo beim bevorstehenden Anstieg zum Manghen Paß zu mir nehmen werde. Am Ortsausgang biegen wir links ab auf einen schön zu fahrenden Landwirtschaftsweg, der am Talboden bei einem Kreisverkehr endet. Wir queren den Flußlauf an der Brücke und folgen dahinter rechts ab der Fahrradwegbeschilderung, kommen unter der neuen Seilbahn von Cavalese hindurch und treffen schließlich auf die neu asphaltierte Fahrstraße zum Manghen Paß, in die wir links bergauf einbiegen. Die folgenden zwei Stunden gehören vollkommen dieser gleichmäßig über 1200 m ansteigenden, nahezu endlos erscheinenden Straße. Sie ist zunächst noch zweispurig ausgebaut, wird aber nach halber Strecke einspurig. Ich mache nur zwei kurze Trinkpausen, Sepp und Jochen fahren wieder ihr eigenes Rennen, ich treffe sie erst im Rifugio Manghen wieder.

Da der größte Teil der Strecke im Nadelwald verläuft, läßt sich die sonnige Wärme des Tales zunächst sehr angenehm ertragen; mit zunehmender Höhe wird es jedoch stärker bewölkt und immer kühler. Als die Straße an einem Almgelände den schützenden Wald verläßt, pfeift der Wind bereits unangenehm kalt über die naßgeschwitzte Kleidung. Ich ziehe meine Windstopperweste an und bearbeite weiter die endlosen Serpentinen, an denen auch diverse Motorradfahrer ihre Freude haben. Auf der Paßhöhe ist es nicht weniger zugig, und ich wechsle das mittlerweile patschnasse Trikot. Sepp und Jochen finde ich im Rifugio, das offensichtlich erst kürzlich vollständig renoviert wurde und innen einen recht gemütlichen Eindruck macht. Die kurze Speisekarte listet einige interessante Polentagerichte auf, allerdings widerstehe ich der Versuchung und verzehre mein mitgebrachtes Brot und einen Liter Apfelschorle.

Abb. 14: Rifugio Manghen
Abb. 14: Rifugio Manghen
Am Rifugio herrscht durch zahlreiche Motorradfahrer reger Betrieb. Der starke Wind läd nicht zum Verweilen ein.

Da es hier sonst nichts zu sehen gibt, setzen wir uns bald wieder auf die Räder und rauschen wärmerer Luft entgegen. Ab einer bestimmten Höhe tauchen wir in die fast tropisch wirkende Luft des Val Sugana ein; ein wirklich erstaunlicher Effekt, obwohl ich davon schon gelesen habe. Wir entledigen uns aller Jacken und Westen, fahren durch Borgo und verlassen den Ort auf der Hauptstraße gegen Westen. Später biegen wir links ab unter die Eisenbahnlinie hindurch und fahren dem Talverlauf folgend auf kleinen Nebenstraßen entlang. Bald entdecke ich grüne Pfeilmarkierungen auf der Straße und vermute den Transalp-Challenge von letzter Woche als Ursprung. Wir folgen den Markierungen und sparen uns damit das lästige Nachschlagen auf der Karte. Unmittelbar vor dem Einstieg zum Kaiserjägerweg machen wir noch eine ausgedehnte Pause an der "Alla Vedora", wobei wir uns mit Eis und Cappuccino erfrischen.

Wir diskutieren kurz, ob wir weiterfahren oder nicht; obwohl mein Bedarf für heute eigentlich gedeckt ist, lasse ich mich überreden, noch die letzten 800 Höhenmeter bis zur Albergo Monterovere anzugehen. Diese sind dann auch rasch geschafft, der Wegverlauf bietet dabei hübsches Panorama in das zurückliegende Tal und auf den Lago di Caldonazzo. Oben weisen die grünen Pfeile nach rechts in den Wald, was wir ignorieren und wieder leicht bergab zur Albergo fahren. Dort quartieren wir uns in ein Dreibettzimmer mit Dusche und WC ein; die Räder kommen im vom häuslichen Schäferhund bewachten Kellergeschoß des Hauses unter. Anschließend folgt das übliche Abendprogramm mit Duschen, Kleidung waschen und Abendessen. Auf der ruhigen Terrasse sitzend schreibe ich noch meinen üblichen Tagesbericht; währendessen treffen noch drei MTB-Reisende ein, die sich ebenfalls respektvoll der häuslichen Bewachung nähern.

Etappe 8: Monterovere - Torbole

Tabelle 9: Daten der achten Etappe
RouteMonterovere - Bertoldi - Passo Del Sommo - Folgaria - Serrada - Mt. Finonchio - Volano - Rovereto - Passo St. Giovanni - Torbole
DatumSamstag 04.08.2001
Entfernung69,6 km
Netto Fahrzeit4:18 h
Brutto Fahrzeit6:10 h
Bergauf1147 m
Bergab2274 m
GPS-Spur gs-transalp-2001-tag8.gpx (Kartenansicht)
KartenKompass 631, Kompass 101
Abb. 15: Bertoldi
Abb. 15: Bertoldi
Die "100 km dei Forti" nutzen ein altes Wegenetz in waldiger Umgebung.

Auch heute gibt es erst um acht Uhr Frühstück; wie üblich sind wir zwar schon eine Viertelstunde früher unten, aber es hilft diesmal nichts, erst Punkt acht erscheint die Wirtin und beginnt mit den Vorbereitungen; auch die Brötchen, ein ganzer Sack voll, treffen gerade erst ein. Ich lese derweil in einem ausliegenden Heftchen ein paar Sagen aus dem Trentino. Die Wirtin vergewissert sich nochmal, ob wir zum Frühstück tatsächlich Käse haben wollen. Das scheint sehr ungewöhnlich zu sein, aber ich bestätige diesen Wunsch, um dem drohenden reinen Marmeladenfrühstück zu entgehen. Der Käse wird dann in nahezu fingerdicken Scheiben serviert, ansonsten gibt es tatsächlich nur die üblichen Brötchen mit Marmelade, aber auch die schon bewährte Kombination aus ordentlichem Kaffee mit viel vorgewärmter Milch. Nach dem Bezahlen (aufgerundet für jeden 100.000 Lit.) holen wir die erfolgreich bewachten Räder aus dem Keller, wobei sich herausstellt, daß Jochens Rad hinten einen Platten hat. Also geht es erst einmal ans Flicken, was unter dem recht unnötigen Gespött der anderen Transalpgruppe mit gewohnter Routine flott von der Hand geht.

Schließlich fahren wir das Stück Straße leicht bergauf zurück zu der Stelle, wo die grünen Pfeile auf den Weg der "100 km dei Forti" weisen. Wir folgen nun wieder den Markierungen und sparen uns das häufige Nachschlagen auf der Karte. Dies wäre angesichts der geradezu irrgartenartigen Vielfalt des Wegenetzes auf der Hochebene trotz der ausgiebigen Beschilderung der "100 km dei Forti"-Routen unerläßlich. Der Landschaftscharakter hier oben ähnelt dem deutscher Mittelgebirge, jeder Sauerländer würde sich hier sofort wie zu Hause fühlen. So ist unser Weg ein ständiges Auf und Ab, mal durch Wiesen und kleine Ortschaften, aber zum größten Teil durch Wald, der nur selten Blicke auf die Umgebung zuläßt. Der Fahrbelag wechselt ständig zwischen wurzeldurchzogenem Waldboden, felsigem und dann wieder schottrigem Untergrund. Die Planer der Transalp-Challenge haben sich bei der Route so viel Mühe gegeben, daß wir meine eigene Planung zunächst gar nicht mehr beachten.

Abb. 16: Tezzeli
Abb. 16: Tezzeli
Auf dem Weg zum Passo Del Sommo lassen wir uns von den grünen Pfeilen durch Tezzeli leiten.

Schließlich landen wir in Folgaria, wo wir in einem kleinen Supermarkt unsere Lebensmittelvorräte ein letztes Mal auffüllen. Anschließend fahren wir über die Asphaltstraße nach Serrada und biegen dort ab in den Weg Nr. 104, der uns über das Rifugio Filli Filzi bergab nach Rovereto bringen soll. Zu unserem Erstaunen geht es jedoch nicht bergab, sondern in gleichmäßiger Steigung nochmal rund 300 m bergauf. Das war mir bei der Planung mit der Kompaßkarte der Region ganz entgangen. Als wir schließlich auf dem hochgelegenen Wiesengelände des Monte Finonchio ankommen, auf dem nach rechts der Weg zum Rifugio abbiegt, verzichten wir auf einen Abstecher dorthin, denn das Wetter gibt sich wieder kühl und windig, zudem lädt der Antennenwald rund um das Rifugio auch optisch nicht zu einem Besuch ein. Wir folgen der schottrigen Fahrspur bergab und ignorieren nach ein paar hundert Metern die grünen Markierungen nach links auf den Wiesenpfad. Es geht wieder in den Wald über eine recht holprige Piste, bis der Belag schließlich zu Asphalt wechselt. Kurz darauf passieren wir die ersten Häuser, die hier oben entlang der Straße ähnlich Wochenendhäusern in den Wald gebaut sind.

In rascher Fahrt folgen wir den Serpentinen ins Tal; dabei wird es immer wärmer und schwüler. Schließlich am Talboden kurz vor Volano stehen wir in den Weingärten. Wir fahren mitten durch den Ort und wechseln dahinter auf die andere Seite der stark befahrenen Landstraße, vorbei an Wein- und Obstgärten weiter in Richtung Rovereto, wo Sepp und Jochen am Bahnhof noch ihre Fahrkarten für die morgige Heimreise kaufen. Von dort queren wir Eisenbahnlinie und Autobahn in Richtung Isera, wobei wir wieder auf die bekannten grünen Markierungen treffen. Dann geht es links ab nach Mori, womit wir die Route der Transalp-Challenge erneut verlassen.

Am Ortsende von Mori, eigentlich nur noch wenige Minuten bis zum Ziel, hat Sepp noch eine Panne am Hinterrad. Der Schlauch springt ohne erkennbaren Grund heraus und wickelt sich um Nabe und Bremse. Nach erfolgreicher Reparatur - Sepp hat seinen Reserveschlauch also nicht umsonst sieben Tage mitgeschleppt - setzen wir unsere Fahrt zum Passo St. Giovanni über den ausgebauten Radweg fort. Damit ist dann auch der allerletzte Anstieg unserer Reise genommen, und wir können endlich die letzte Abfahrt angehen. Nach der Ortsdurchfahrt von Nago halten wir noch oben auf der alten Verbindungsstraße nach Torbole und genießen kurz den Blick auf den See. Über dem Tremalzo hat sich ein Gewitter zusammengebraut; auf der anderen Seeseite bei Riva regnet es bereits. Wir beeilen uns, nach Torbole hinunterzukommen und fahren durch das ungewohnte bunte Treiben weiter zum Campingplatz, wo bereits Frau und Kinder mit einem lauwarmen Begrüßungsbier auf uns warten.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, daß eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike alle Mühen wert ist. Zwar waren die acht Tage auf dem Rad recht anstrengend und im Sitzen auch teilweise recht unangenehm, dennoch bietet sie einen hohen Erlebnis- und Erinnerungswert. Der tägliche Wechsel von Landschaft und Unterkunft sowie auch die Kontakte zu anderen "Querulanten" haben für eine unterhaltsame Zeit gesorgt, an die ich gerne wieder zurück denke. Auch die Mühen, die dieser Bericht hier verursachte haben sich gelohnt. Damit sind nicht nur die positiven Rückmeldungen von Lesern gemeint, sondern er erhält auch mir selbst Erinnerungen weit über den lesbaren Wortlaut hinaus, die sich sonst in ihren Details vermutlich schon verflüchtigt hätten.

Etwas Verbesserungspotential an der Route möchte ich Interessierten noch empfehlen. So würde ich mittlerweile nicht mehr über die Ornellaberge "schieben", sondern statt dessen über Arabba zur Porta Vescovo und von dort über den für sein Marmolada-Panorama berühmten Bindelweg zum Passo Pordoi fahren.


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Letzte Änderung: 16.06.2017
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