Transalp 2013: Susa - Ventimiglia

Eine Westalpentour mit dem Mountainbike von Susa ans Mittelmeer nach Ventimiglia


Einleitung

Nachdem im letzen Jahr durch meine Teilnahme an der Transalp Challenge die Alpenüberquerung in einer sehr sportlichen Variante anfiel, bei der es ständig darum ging, möglichst nicht den Anschluss an das Hinterrad des Vorausfahrenden zu verlieren und selbst die schönsten Stellen ohne Pause zu passieren, war für mich schnell klar, dass dieses Jahr eine mehr urlaubmäßige Version stattfinden sollte. Idealerweise mal wieder mit meiner Frau. Ich hatte mittlerweile einige Reisebeschreibungen über die Westalpen gelesen, die mir landschaftlich sehr reizvoll erschienen. Einen Nachteil haben die Westalpen allerdings, zumindest von meinen Wohnort aus, An- und Abreise sind nochmal deutlich zeitaufwändiger, als bei einer Ostalpenüberquerung. Um einen Überblick zu den vorhandenen Routen zu bekommen, habe ich mir das Buch »Alpencross, West-/Südalpen« von Achim Zahn zugelegt. Die dort vorgestellten Kompletttouren waren mir allerdings zu lang; eine Tour mit vierzehn Tagen vom Genfersee inklusive Anreise und Toleranztag für schlechtes Wetter wäre so leicht zu einem Zweieinhalbwochenprojekt geworden. So lange hätten wir unsere Kinder nur schlecht unterbringen können. Mir schwebte da eher etwas mit ca. acht Tagen Reisezeit vor. Im Internet bin ich dann auf die Beschreibung von Birgit Wenzl gestoßen, die auf Basis der Tourdaten von Achim Zahn so ziemlich genau das enthielt, was mir für eine erste Tour in der Gegend vorschwebte. Die weitere Lektüre führte mich dann noch zu einer »Cottix« genannten Tourenbeschreibung aus dem Internet-Forum von mtb-news.de, bei der vorgeschlagen wurde, den Abschnitt durch die Elva-Schlucht durch eine Wanderpfadvariante über S. Martino zu ersetzen. Damit standen dann auch schon die eigentliche Route sowie die grobe Etappeneinteilung fest.

Die Stadt Susa als Startpunkt hat mehrere Vorteile; sie ist gut per Auto erreichbar, da sie an einer Autobahn liegt, zudem hat sie einen Bahnhof, so dass man sie auf der Rückreise leicht wieder mit den Rädern erreichen kann. Zum Thema Anfahr- und Abfahrlogistik hatte ich eine Zeit lang überlegt, alles mit dem Zug zu erledigen. Rein fahrplanmäßig wäre das sogar machbar, allerdings hätten Verspätungen leicht zu einem Zusammenbrechen der Planung führen können, so dass wir uns schließlich für eine Anfahrt per Auto entschieden. Die Rückfahrt vom Zielpunkt zum Startpunkt war wegen der deutlich kürzeren Strecke mit zwei Umsteigepunkten in Cuneo und Turin per Bahn leicht realisierbar.

Während der Tour gab es dadurch, dass zwei ursprünglich geplante Übernachtungsgelegenheiten ausgebucht waren, nderungen der Etappenlängen. Der Durchzug einer ausgiebigen Regen bringenden Kaltfront verschaffte uns zudem in Sambuco einen Tag Regenpause. Da wir gleich ein paar Tage Zeitpuffer in unseren Urlaub eingeplant hatten, störten diese Überraschungen nicht großartig.

Tabelle 1: Basisdaten der Tour
Dauer 9 Tage (03.08. - 12.08.2013)
Entfernung 490,0 km
Höhendifferenz 14600 m

Die Route selbst stand für mein GPS-Gerät als Sammlung von GPS-Spuren zur Verfügung. Die Navigation war damit natürlich wesentlich gegenüber der herkömmlichen Kartennavigation vereinfacht und quasi während der Fahrt zu erledigen. Einen weiteren technischen Vorteil bieten heutzutage die gerne als »Smartphone« bezeichneten Taschenminicomputer, soweit sie über einen GPS-Empfänger und ein Android-Betriebsystem verfügen. Für diese gibt es sehr gute Kartenanwendungen wie »osmand«, »oruxmaps« oder »locus«, die sich dank installierter Openstreetmap-Karten quasi wie ein GPS-Gerät nutzen lassen und durch ihre hohe Bildschirmauflösung ebenso schnell oder gar besser einen Überblick bieten, als eine Papierkarte.

Auf herkömmliche Karten haben wir aber dennoch nicht verzichtet, da diese bei stromlosen Zeiten immer noch den besten und zuverlässigsten Überblick bieten. Wie in meinen vorangegangenen Touren hatte ich dazu DIN A3 Farbkopien der genutzten Kartenabschnitte angefertigt, die sich gewichtssparend transportieren lassen.

Anreise

Bei der Suche nach unserer Übernachtungsmöglichkeit in Susa hatte ich zunächst versucht, bei den dortigen Hotels unterzukommen. Mehr als ein Einzelzimmer war aber nicht aufzutreiben. Fündig wurde ich dann bei Bed & Breakfast Archivolto (+39 3496705887), welches mitten in der Altstadt liegt. Der Betreiber (Flavio) spricht sehr gut Englisch und bietet zwei Doppelzimmer mit Bad und Gemeinschaftsküche an (ÜF: 35 EUR, Ü: 30 EUR). Er selbst ist leidenschaflicher Fotograf, wovon die zahlreichen Bilder mit Hochgebirgsmotiven in der Wohnung Zeugnis ablegen.

Die Anreise per Auto gestaltete sich weitgehend unkompliziert; vollkommen ungewohnterweise hatten wir nicht einmal auf der Brennerautobahn Stau, was sicher auch an unserem Reisetag, einem Freitag, lag. Den Wagen konnten wir auf Anraten unseres Vermieters auf einem kleinen Parkplatz südwestlich unserer Unterkunft (Richtung Amphitheater) unterbringen. Die Räder durften im Hauptraum der Wohnung übernachten. Wie sich gegen Abend herausstellte, war das zweite Zimmer auch an zwei Mountainbiker vergeben, die wir bei ihrer Ankunft kennenlernten. Hannes aus Südtirol und Tobias aus Scoul in der Schweiz planten ebenfalls eine Tour nach Ventimiglia, die sie einer Beschreibung im Internet entnommen hatten. Bis auf die erste Etappe war der Verlauf allerdings anders - über Abriès, Sambuco und La Brigue - zudem mit sechs Tagen deutlich kürzer (vermutlich handelt es sich um die Beschreibung von Daniel Bolender), dennoch würden wir die nächsten zwei Tage in den gleichen Orten übernachten.

Abends saßen wir dann noch zusammen, um uns über die jeweilige Tourenplanung auszutauschen. Meiner vorbereitenden Internetlektüre nach, war ich bezüglich der Verfügbarkeit von freien Übernachtungskapazitäten eher skeptisch eingestellt. Die Suche für Susa hatte das schon belegt, und für den übernächsten Tag hatte ich schon eine Absage per E-Mail vom Refuge La Monta kassiert. Das für morgen Abend geplante Hotel Sud-Ovest in Sestrière hatte gar nicht auf meine schriftliche Anfrage reagiert. Besonders Tobias sah die Situation eher locker und wollte sich nicht viel Gedanken um eine Vorabreservierung machen. Da Hannes als Südtiroler perfekt Italienisch sprach, konnten wir dann aber noch einen Test in Form einer telefonischen Buchung durchführen. Schnell stellte sich heraus, dass das Hotel Sud-Ovest schon belegt war, statt dessen wurden wir auf das benachbarte Hotel Olimpic verwiesen, wo wir problemlos zwei Zimmer bekamen. Tobias war damit schon fast bekehrt und da er Französisch als Abiturfach hatte, durfte er dann gleich noch unsere Übernachtung für übermorgen in Abriès buchen. Im Hotel L'Edelweiss bekamen wir sofort den Zuschlag für zwei Zimmer, wenngleich sich deren Reservierung auf zwei unterschiedliche Namen als etwas kompliziert herausstellte.

Für morgen hatten die beiden kein Frühstück gebucht, um möglichst früh der aufkommenden Wärme im Tal zu entfliehen. Wie sich für uns herausstellen sollte, war der Verzicht auf das extern in einem Café einzunehmende Frühstück nicht die schlechteste Wahl, zumal die Küche der Wohnung alles Notwendige für Selbstversorger bot.

Etappe 1: Susa - Sestrière

Tabelle 2: Daten der ersten Etappe
RouteSusa - Frais - Strada dell'Assietta - Sestrière
DatumSamstag 03.08.2013
Entfernung49,6 km
Netto Fahrzeit6:03 h (Karin: 7:11 h)
Brutto Fahrzeit11:11 h
Bergauf2309 m
Bergab1168 m
ÜbernachtungHotel Olimpic, Tel.
KarteIGC 1, Valli di Susa
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag1.gpx (Kartenansicht)

Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker und beendet damit die 28 C warme Nacht. Wenig später verlassen Hannes und Tobias unsere Pension; wie gestern angekündigt, wollen sie der Hitze des Tages durch einen besonders frühen Start entgehen. Wir packen zusammen und frühstücken, was unsere Reste des Kühlschranks noch so hergeben, ergänzt durch ein paar Lebensmittel aus dem gestrigen Einkauf in Susa. Auch den Reiseproviant bereiten wir vor, schließlich geht es heute gleich 2000 Höhenmeter am Stück den Berg hinauf. Unseren Frühstücksgutschein lösen wir schließlich noch im Plaza Cafè (das Café mit dem falschen Akzent) an der Piazza IV Novembre ein, wo wir um 7:30 Uhr die ersten Gäste sind. Die Croissants, die normalerweise das spärliche italienische Frühstück aufwerten, sind noch im Ofen, so dass wir mit zwei halbwegs trockenen Kuchenstücken vorlieb nehmen müssen. Zum Cappuccino gibt es noch einen Orangensaft, das wars dann.

Gegen 7:40 Uhr starten wir durch den Ort bergauf in Richtung Freis. Zunächst geht es über Asphalt gemütlich hinauf, bald zieht die Steigung an und beim Herunterschalten beginnt meine Kette zu scheppern. Ich brauche eine Weile, bis mir klar wird, woran das liegt. Vor unserer Tour habe ich die Kette gewechselt und das Ritzelpaket geprüft, aber nicht das kleine 22er Kettenblatt. Dieses ist nun anscheinend so verschlissen, dass die neue Kette verklemmt und immer wieder mit hochgezogen wird. Glücklicherweise klemmt sie nicht komplett, so dass außer der nervenden Geräuschkulisse vorerst kein Nachteil bleibt. Ich nehme mir vor, heute abend in Sestrière nach einem Fahrradladen mit Ersatzteilen zu suchen; wenn sich da nichts ergibt, muss sich die Kette halt langsam längen. Wir haben ja noch ein paar Tourentage vor uns.

Die schmale Asphaltstraße zieht sich bis Freis locker durch den schattigen Nadelwald dahin, der Autoverkehr hält sich auch in Grenzen. Die Trinkwasserversorgug ist auf dem Stück unproblematisch, hin und wieder gibt es Trinkwasserstellen oder zumindest Bachläufe zum Auffüllen der Vorräte. Nach 700 Höhenmetern machen wir einen kurzen Abstecher rechts rein in das Bergdörfchen Losa. Hinter der Kirche gibt es einen Aussichtspunkt mit freiem Blick auf das Tal und die Stadt Susa unter uns. Die Sicht fällt heute leider etwas diesig aus und ist nicht vergleichbar mit der eindrucksvollen Aufnahme vom gleichen Standort, die Flavio in der Wohnung ausstellt. Am Ende des kleinen Skiortes Freis wechseln wir auf die Assietta-Straße, die sich als Forstweg nun steiler durch den Lärchenwald schlängelt. Der Startpunkt ist durch einen angedeuteten Holzbogen markiert, dessen Gegenstück wir in identischer Ausführung am anderen Ende der Strecke oberhalb von Sestrière heute Nachmittag wiederfinden werden.

Die Streckenführung ist immer noch schattig, die Steigung wird oberhalb der Alpe Arguel aber deutlich schweißtreibender. Gelegentlich kommt uns der ein oder andere Mountainbiker von oben entgegen, auch einzelne Wanderer sind hier unterwegs. Als der Weg die Baumgrenze passiert, zieht die Steigung nochmal deutlich an und der schottrige Belag wird auch etwas gröber. Schießlich sind wir soweit, dass das Schieben geringere Schmerzen bereitet, als das Fahren. Knapp 200 hm legen wir zu Fuß zurück, so läßt sich zumindest die Aussicht besser genießen. Hier oben ist neben uns noch eine Pfadfindergruppe unterwegs; die Mädchen schleppen wenig lustvoll ihre riesigen Rucksäcke bergauf und sind schnell überholt. Vorbei an einem kleinen Schneefeld erreichen wir einen Rechtsknick, von dem aus ein altes Fort ins Sichtfeld kommt. Der Weg verläuft hier für ein kurzes Stück fast eben durch eine, schon fast kitschig wirkende, Blumenwiese vorbei an einem kleinen See.

Das Stück hoch zur Kaserne ist nochmal zum Schieben, dann können wir endlich wieder aufsitzen. Hier oben sind eine ganze Reihe MTBler unterwegs, zum Teil alleine, zum Teil in Gruppen. Man erkennt auch an den Spuren auf dem Weg, dass hier reger MTB-Verkehr herrscht. Bis wir den Colle dell Assietta erreichen, steigt der Weg an der Ruine des Forte Gran Serin vorbei noch mal deutlich an und gibt dabei einen schönen Rundblick auf die umliegenden Berge frei. Schließlich ist mit 2550 m der höchste Punkt des Tages erreicht und damit wieder Zeit für eine Brotzeit mit fotogenem Weitblick. Die Strecke zum Pass hinunter kürzen wir über einen Pfad ab, der in einer Linkskehre abzweigt und mit S1-Qualität gut fahrbar bergab führt.

Am Pass selbst tummeln sich so an die zehn Mountainbiker, wobei mir nicht ganz klar ist, wo die alle herkommen; ein Teil ist scheinbar vom Colle delle Finestre herüber gefahren, unserer Strecke sind die zumindest nicht gefolgt. Wir machen noch schnell ein paar Beweisfotos vor der markant mit diversen Aufklebern dekorierten Passbeschilderung und folgen dem weiteren Wegverlauf erstmal wieder leicht bergauf hinüber zur Südseite des Bergkamms. Hier kommt rechts oberhalb das Alpinidenkmal in Sicht, gleichzeitig startet ein sehenswertes Wolkenspektakel. Wir haben jetzt rund 14:00 Uhr und offenbar ist nun im Südhang die Thermikauslösetemperatur erreicht, so dass sich dort schnell aufsteigende Wolken bilden und als Nebelbänke rasch unseren Weg querend nach Norden über den Grad ziehen. Das Denkmal entschwindet dabei zeitweise unserem Blick. Obwohl sich zwei weitere Mountainbiker gerade auf dem Weg nach oben befinden, verzichten wir auf den Abstecher, denn sehen würden wir von dort jetzt nicht sehr viel. Zudem sind für nachmittags Gewitterschauer gemeldet, von denen ich mich hier oben auf der noch rund 15 km langen Strecke nur ungern erwischen lassen möchte. Über dem Bergmassiv auf der linken, südlichen Talseite hält sich schon die ganze Zeit, glücklicherweise ortsfest, eine ausgedehnte Schauerwolke, aus der es meiner Einschätzung nach jederzeit donnern könnte. Gegenüber, nördlich von uns, ballen sich die Wolken nun auch zusammen; lediglich über unserem Assietta-Kamm sieht es noch harmlos aus.

Die Wegschleifen hinab zum Colle Costa Piana kürzen wir über den geradeaus verlaufenden Wanderweg ab, der mit gut fahrbarer S1-Qualität eine angenehme Abwechslung zum Pisteneinerlei hier oben bietet. Als wir den Col Bourget erreichen, hat sich an der nordwestlich gelegenen Bergkette eine beeindruckende Wolkenfront aufgebaut, die wenig später donnernd abregnet und beginnt, auch die Luft über dem Kamm vor uns abzuziehen. Die Folgen sind staubsturmartige Verwehungen auf der trockenen Piste vor uns. Jetzt heißt es Augen zusammenkneifen, Luft anhalten und durch. Am windigen Colle Basset ist die offizielle Assietta-Straße gemäß dem dort aufgestellten Holzbogen zu Ende und damit auch bald die Abfahrt nach Sestrière erreicht.

Erleichtert, damit auch dem schlechten Wetter den Rücken zu kehren, rollen wir bergab, den ein oder anderen Pfad als interessante Variante zur Hauptpiste nutzend. Hier ist auch ein Vater mit seinem ca. 10jährigen Sohn auf dem Mountainbike unterwegs; der Kleine legt bergab ein ordentliches Tempo vor und hat keinerlei Probleme, Karin abzuhängen. An einem Bachlauf biegen wir rechts auf den »Sentiero dei Forestali« ab, dessen Einstieg etwas versteckt im beginnenden Lärchenwald liegt. Dieser schlängelt sich gerade mal handtuchbreit ohne große Hindernisse durch den Hangwald die verbleibenden 250 hm bergab und endet beim Ortsanfang von Sestrière direkt auf dem Wohnmobilstellplatz.

Mehr oder weniger direkt kommen wir so zu unserem Hotel Olimpic (ÜF: 35 EUR, ohne Frühstück: 30 EUR), wo wir uns bei der freundlichen Wirtin anmelden. Die Räder werden noch kurz mit dem bereitliegenden Wasserschlauch abgespritzt und dann in einem kleinen separaten Raum eingesperrt. Hannes und Tobias sitzen schon auf ihrem Balkon; sie haben das Nachbarzimmer belegt und lassen es sich gut gehen. Nach dem Duschen gehen wir noch in den lebhaften Skiort zum Einkaufen. Ein Ersatzkettenblatt ist in den beiden Sportläden leider nicht erhältlich, Bremsbeläge oder Ersatzritzel wären aber immerhin zu bekommen. Das Abendessen nehmen wir, wie unsere Nachbarn, auf dem Balkon sitzend mit Blick auf das Gebirgspanorama ein.

Etappe 2: Sestrière - Abriès

Tabelle 3: Daten der zweiten Etappe
RouteSestrière - Col Mayt - Le Roux - Abriès
DatumSonntag 04.08.2013
Entfernung30,4 km
Netto Fahrzeit3:23 h (Karin: 3:55 h)
Brutto Fahrzeit6:26 h
Bergauf943 m
Bergab1600 m
ÜbernachtungAuberge L'Edelweiss, Tel. +33 4924 67109
KartenIGC 1, Valli di Susa; IGC 6, Monviso
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag2.gpx (Kartenansicht)

Heute soll es schon um 6:30 Uhr Frühstück geben, der Wecker klingelt also eine halbe Stunde vorher. Die Nacht verlief etwas unruhig, da bei der nahe dem Hotel gelegenen Sporthalle noch irgendwelche Tätigkeiten liefen, die sich für den Unbeteiligten als laute Rufe und Autogehupe äußerten. Als wir hinunter gehen, sehen wir Hannes und Tobias gerade noch vom Hotel wegradeln. Heute abend werden wir sie in Abriès in der gleichen Herberge treffen. Ihre Route führt heute in einem weiten Bogen über den Col du Malrif, für uns geht es hingegen auf kurzem Wege über den Col Mayt.

Das eigentlich erst ab 7:00 Uhr verfügbare Frühstück ist bald bereit, Kaffee, Milch und frisch aufgebackene Brötchen mit Marmelade gibt es. Später, als wir fast fertig sind, und eine größere Gruppe Japaner den Raum bevölkert, die alle einen sehr sportlichen Eindruck machen und vermutlich am Orientierungswettbewerb teilnehmen, gibt es noch diverse Extras. Wir zahlen bald (104  EUR) und machen uns auf den Weg bergab durch den Ort. Ins Ripa Tal geht es zunächst noch weiter hinunter, aber bald hinter dem kleinen Weiler Sises biegen wir links ab hinauf in Richtung Bassé bas. Diesen Streckenabschnitt hatte ich beim Überarbeiten der Openstreetmap gefunden und ausgewählt, um den Höhenverlust zu minimieren. Die Schotterstraße steigt am Waldhang entlang noch etwas an und fällt dann nach Brusa del Plan hinunter wieder ab. Dort treffen wir nach Überquerung einer Brücke wieder auf die originale Streckenführung. Leicht ansteigend geht es der Morgensonne entgegen nun durch das Tal vorbei an zahlreichen Zelten; wildes Campen ist hier offenbar erlaubt. Obwohl die Strecke tagsüber wohl stark vom Ausflugsverkehr befahren wird, werden wir nur von drei PKWs überholt. Viele Zelte sind noch verschlossen, nur an wenigen sonnenbeschienenen Plätzen sind die Camper schon aufgewacht.

Bald steigt die Straße nach rechts durch den Wald stark an; in leichten Wellen ergibt sich so immer mal wieder die Gelegenheit zum Schieben. An einer Brücke quert die Straße schließlich nach links den Fluss, rechts beginnt hier der Fußweg zum Col Mayt, dem wir aber jetzt noch nicht folgen. Gemäß der Zahn'schen Beschreibung kann man noch etwas auf der Straße bleiben und spart so Schiebestrecke. An einer flacheren Stelle zweigt rechts runter zum Bach ein Viehweg ab. Hier pausieren wir kurz. Etwas oberhalb von uns habe ich einen Mountainbiker gesichtet, der bald auf uns zu fährt und sich dann an die Bachüberquerung macht.

Ich fülle inzwischen beim Hinterraddämpfer von Karins Rad etwas Luft nach, da dieser für das Tourengewicht noch nicht optimal eingestellt ist (hätte ich vor der Tour eigentlich schon machen können, also quasi rechtzeitig). Dann fahren wir auch hinunter und suchen nach einer günstigen Stelle, um den etwas über zwei Meter breiten Bachlauf zu queren. Einen Steg gibt es hier nicht; es müssen erst ein paar größere Steine besser platziert werden, damit das Unternehmen trockenen Fußes gelingt. Schließlich erklimmen wir die Wiese rechts bergauf zum Wanderpfad hin und folgen diesem weiter bergan. Das Schieben fällt hier noch relativ leicht, teilweise ist er sogar über kurze Strecken noch befahrbar.

Der einzelne Mountainbiker ist ca. 150 m vor uns und dient somit als praktische Orientierungshilfe; der weitere Wegverlauf ist von unten gesehen sonst eher schlecht auszumachen. Als es steiler bergauf geht, holen wir ihn pausierend ein. Wie sich herausstellt, ist er ebenfalls deutsch, heißt Jochen und ist am Montag in Martigny gestartet. Er war zunächst mit einem Kollegen zu zweit unterwegs, dieser mußte aber wegen einer Sturzverletzung am zweiten Tag aufgeben. Er ist mit einem Biwak-Schlafsack ausgestattet und hat heute im oberen Tal im Freien übernachtet.

Im immer noch ungetrübten Sonnenschein geht es bei leichtem Wind und angenehmen Temperaturen durch üppig blühende Blumenwiesen nun langsam zunehmend steiler bergauf. Bald wandern wir zu dritt an einem Schneefeld entlang, passieren die Wetterschutzhütte und wuchten die Räder das letzte steile Stück zum Pass auf die Grenze zwischen Italien und Frankreich hoch. Schon um 11:00 Uhr sind wir oben, viel früher als ich erwartet habe. Der Himmel zeigt nur stellenweise harmlose Wolken; es sieht damit deutlich stabiler aus als gestern. Dabei hatte der Wetterbericht schon für 14:00 Uhr Gewittergefahr gemeldet, davon ist jedoch weit und breit nichts zu erahnen.

Nach den üblichen Beweisfotos beginnen wir zusammen die Abfahrt nach Frankreich hinein. Es geht über einen sehr schmalen Pfad hinunter, der gerade noch doppelte bis dreifache Reifenbreit hat. Oft ist er nur als plattgetretener Wiesen- und Blumenpfad erkennbar, besonders stark genutzt wird er scheinbar nicht. Aus Internetbeschreibungen war mir schon bekannt, dass die Orientierung hier etwas schwierig sein würde. Dort wird der Abschnitt teilweise als »weglos« beschrieben. Genaugenommen stimmt das allerdings nicht, denn irgendwann erkenne ich, dass sich in dem Wiesengelände knapp einen Meter hohe Holzpfähle befinden, die auf den oberen zehn bis fünfzehn Zentimetern eine verblassende gelbe Farbmarkierung aufweisen. Leider sind diese in der gelben Blumenpracht nur sehr schlecht auszumachen. Manchmal ist der Weg als Rinne oder Geländevertiefung mäßig gut zu erkennen, oft müssen wir kurz anhalten um nach dem nächsten Holzpfahl Ausschau zu halten. Wenn ein größerer Stein am Weg liegt, so hat auch dieser eine gelbe Markierung.

Etwas mühselig arbeiten wir uns so den Hang hinab; Karin hat zwischendurch zwei harmlose Stürze, die durch die Grastarnung der Wegrinne verursacht werden. Die Kanten der Rinne können sehr tückisch sein, auch ich komme manchmal ins Balancieren. So manchen Murmeltierbaueingang müssen wir zwischendurch gefühlvoll überqueren. Weiter unten wird es spürbar wärmer und der Weg zeichnet sich endlich als wellige Kontour in der Grasnarbe ab. Bei den Ruinen der verfallenen Almsiedlung biegen wir links ab und fahren zwischen den Gebäuden hindurch bis zu einem Fahrweg an einer Brücke. Die Zahn'sche GPS-Spur wäre hier zunächst noch weiter nördlich dem Weg am Hang gefolgt.

Wir passen unsere Kleidung den nun warmen Bedingungen an, Jochen fährt schon mal voraus, um in Abriès noch einkaufen zu gehen. Er möchte heute noch mindestens bis Saint Veran kommen. Karin hat bei einem ihrer Stürze den rechten Schalthebel leicht verbogen; wenn man ihn etwas mehr durchdrückt, z.B. um zwei Gänge gleichzeitig herunterzuschalten, dann verhakt er sich mit dem Hochschalthebel. Ich versuche mit vorsichtiger Gewalt, den Schaden zu richten, es bewegt sich aber nichts. Zu viel will ich nicht riskieren, sonst bricht der Hebel wohlmöglich noch ab. Wir folgen etwas später dem Landwirtschaftsweg talauswärts in das Bergdorf Le Roux. Dort spricht mich an einem Trinkwasserbrunnen ein Franzose an und fragt, ob die Strecke, die wir gekommen sind, gut befahrbar ist. Er erklärt mir, dass er normalerweise auch mit seiner Frau Mountainbiketouren unternimmt, nur diese Woche sind sie hier mit den Kindern zum Wandern unterwegs. Ich kann ihm ansehen, dass er sich lieber jetzt als gleich aufs Rad schwingen würde. Nur gut, dass Mountainbiken nicht süchtig macht. Weiter gehts über die Asphaltstraße hinunter nach Arbriès. Leider habe ich hier meine Frankreichkarte am GPS-Gerät noch nicht eingeschaltet, so dass wir die Wege am linken Waldhang verpassen, die ich eigentlich fahren wollte.

Den sommerlich warmen Ort erreichen wir noch vor 13:00 Uhr, so früh waren wir noch nie an einem Tagesziel. Wir gehen noch kurz einkaufen und beziehen dann unser Zimmer in der Auberge L'Edelweiss. Die Zimmerschlüssel liegen auf einem Tisch im Gastraum bereit, jeweils mit dem Namen des Gastes beschriftet. Meinen kann ich zwar nicht ausmachen, ich finde aber einen ähnlich klingenden neben dem vom Tobias, und schließe, dass das wohl unserer sein wird. Das Gasthaus wird wie eine Berghütte bewirtschaftet, hat sehr einfache Zimmer, zu denen man ohne Bergschuhe aufsteigen muss. Bettwäsche müsste man separat anmieten, aber wir haben ja unsere Hüttenschlafsäcke dabei, die heute damit endlich auch mal eingesetzt werden können. Die Räder kommen in einer von außen zugänglichen Abstellkammer unter. Tobias und Hannes treffen erst sehr viel später ein, haben sie doch ein deutlich größeres Pensum über den Col du Malrif zu bewältigen.

Den Nachmittag vertrödeln wir noch mit Wäschewaschen, Ausruhen und Spazierengehen in dem unerwartet lebhaften Ort. Es gibt einen kleinen Markt und die Haupteinkaufsstraße ist sehr dekorativ mit bunten Regenschirmen überspannt. Für die Openstreetmap finde ich auch noch ein paar Kleinigkeiten zum Ergänzen, einen Lebensmittelladen, Restaurants und noch eine Pension. Die ebenfalls hier gerne genutzte Gte d'Etape Le Villard ist auf der falschen Straßenseite eingetragen; das läßt sich zu Hause bei der Nacharbeit der Tour leicht korrigieren. Die Wäsche trocknet auf der sonnenbeschienenen Dachterrasse schnell, allerdings zieht Karin sich einen Splitter beim barfüßigen Begehen der Holzplanken in den Fuß und ist danach einige Zeit mit OP-Arbeiten beschäftigt. Da wir Halbpension gebucht haben, gibt es um 19:30 Uhr noch ein schmackhaftes viergängiges Menü. Wir essen zusammen mit Hannes und Tobias, die uns von ihrem anstrengenden Tag vorschwärmen. Anschließend ist Hannes noch so nett und bucht unsere Unterkunft für in drei Tagen in Sambuco (Albergo della Pace), die ich mir aus kulinarischen Gründen auf keinen Fall entgehen lassen möchte. Die beiden werden einen Tag vor uns ebenfalls dort sein.

Mit der Wirtin sprechen wir eine Frühstückszeit von 6:00 Uhr für morgen ab; der Kaffee wird noch am gleichen Abend hergestellt und in eine Thermoskanne abgefüllt. Tee mit frisch aufgebrühtem Wasser hätten wir auch morgens direkt zum Frühstück haben können. Wir bezahlen auch gleich (HP: 41 EUR), damit wir morgen ohne Verzögerung loskommen.

Etappe 3: Abriès - Sampeyre

Tabelle 4: Daten der dritten Etappe
RouteAbriès - Col Vallante - Passo della Losetta - Chianale - Casteldelfino - Sampeyre
DatumMontag 05.08.2013
Entfernung53,0 km
Netto Fahrzeit4:58 h (Karin: 5:44 h)
Brutto Fahrzeit8:37 h
Bergauf1233 m
Bergab2099 m
ÜbernachtungAlbergo Alte Alpi, Tel. +39 0175 977110 oder 977208
KarteIGC 6, Monviso
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag3.gpx (Kartenansicht)

Zum Frühstück gibt es einen leckeren Nusskuchen, Baguettescheiben vom Vorabend, Joghurt, Marmelade und Honig. Richtigen Hunger habe ich nach dem ausgiebigen Essen von gestern Abend allerdings noch nicht, so dass das großzügige Angebot weitgehend ungenutzt bleibt. Hannes und Tobias gesellen sich auch bald zu uns; sie fahren heute Richtung Maljasset, bleiben also westlich von uns in Frankreich, während wir heute über den Col Vallante wieder nach Italien zurückkehren werden. Wir verabschieden uns und wünschen den beiden noch alles Gute für den Rest ihrer Tour. Den Ort verlassen wir Richtung Val de Guil, zunächst noch auf breiter Asphaltstraße am Fluss entlang. Auch hier gibt es immer wieder Zelte am Flusslauf, wenn auch nicht so häufig wie gestern. Bei Ricolas mache ich einen kleinen Umweg durch den Ort, da die dortige Gte »Le Ricolas« noch auf der Openstreetmap fehlt; am Ortsausgang links ist sie schnell gefunden.

Bald passieren wir einen Campingplatz, auf dem sich die ersten Urlauber noch leicht fröstelnd aus den Zelten schälen. Beim einsam gelegenen Rif. La Monta mache ich noch schnell ein Foto, wenn wir hier schon nicht übernachten können. Am Haus rührt sich noch nichts, anscheinend schlafen noch alle. Weiter geht es nach L'Echalp, wo ich auch noch mal einen kurzen Abstecher zur Gte mache. Deren etwas ungewöhnlicher Name »7 Degres Est« fehlt noch auf der Openstreetmap. Immer noch im Schatten der Berge, ohne direkten Sonnenschein erreichen wir schließlich la Roche Ecroulée, wo die öffentliche Straße endet und die Zubringerstraße für das Rif. du Viso sich links am Hang ein paar Serpentinen hoch windet. Dahinter wechselt der Belag von kompaktiertem Schotter auf Asphalt, was die Weiterfahrt sehr erleichtert.

Nicht mehr lange und wir bekommen direkten Blickkontakt zum Mont Viso, den Cottischen Kaiser, der sich mit seiner markanten 3840 m hohen Mehrfachkrone am Ende des Tals dominant gegen den blauen Himmel abzeichnet. Als wir gegen 9:00 Uhr auf 2133 m den Aussichtspunkt »Belvedère du Viso« erreichen, der gleichzeitig Wendeplatz und Ende der Straße ist, erfüllt wärmendes Licht das halbe Tal. Nach kurzer Stärkung folgen wir dem Pfad am Ende des Platzes kurz schiebend bergauf, dann geht es größtenteils fahrbar zum Bach hinunter, zumindest soweit der Hangweg nicht abgerutscht ist. Bevor der Pfad endgültig ansteigt, und wir mit unserer heutigen Trage- und Schiebesektion beginnen, legen wir noch ein nettes flaches Stück am Bach entlang zurück. Dann ist wieder Schluss mit lustig.

Durch dicht von Murmeltieren besiedeltes Gelände arbeitet sich der Weg hinauf, zunächst nur so steil, dass man das Rad noch gut schieben kann; nur wenige Stellen machen ein Tragen notwendig. Etwa in Höhe des Rif. du Viso kommen wir wieder in flacheres Gelände, das sogar teilweise fahrbar ist. Von hier können wir die ersten Wanderergruppen erblicken, die, am Rif. du Viso gestartet, zum Col Vallante unterwegs sind. Als wir auf den von links einmündenden Pfad treffen, kommen von oben regelrecht Schwärme an Wanderern mit schwerem Mehrtagesgepäck auf uns zu. Dieser Menschenstrom hält an, bis wir die erste Kehre im groben Felsgelände oberhalb des Lac de Lestio erklommen haben. Von nun an lässt sich keine Menschenseele mehr blicken. Auf uns macht dieser Wandererpulk den Eindruck, als wäre auf der anderen Seite des Passes im Rifugio Vallanta heute früh ein Wettrennen zur nächsten Übernachtungshütte gestartet worden, ebenso in umgekehrter Richtung. Augerechnet hier beim See kollidieren die beiden Gruppen quasi miteinander.

In den groben Felsblöcken der nun folgenden Hochgebirgspassage fällt die Orientierung schwer. Zwar gibt es in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen rot/weiße Wegmarkierungen auf den Felsen, aber von unten kommend sind diese wegen fehlender Übersichtlickeit nicht gut erspähbar. So kämpfen wir uns, mittlerweile wieder alleine, durch das mit Altschneefeldern durchsetzte Geröllfeld, dabei wären Wanderer als visuelle Orientierungspunkte jetzt praktisch. Am Mont Viso entwickelt sich seit einiger Zeit eine wolkige Wetterfahne, die eine Windrichtung Südwest anzeigt, aber nicht weiter bedrohlich wirkt. Achim Zahn weist in seiner Tourenbeschreibung an dieser Stelle auf eine gewisse Unberechenbarkeit der Wetterküche hin, heute ist die angesetzte Gewürzmischung offenbar recht milde ausgefallen.

Am 2811 m hohen Pass angekommen, machen wir im Windschatten nur eine kurze Erfrischungspause; außer uns sind nur drei Damen vor Ort, die sich sonnend dem Ausblick auf den beeindruckenden, aber von hier eher abweisend wirkenden Bergkoloss widmen. Die Querung hinüber zu dem nur 50 m höher gelegenen Colle Losseta hatte ich irgendwie aus Internetbeschreibungen als größtenteils fahrbar in Erinnerung. Darin werde ich aber massiv enttäuscht. Es geht nun in mehreren Stücken bergauf, dann wieder bergab, dann am steil abfallenden Hang entlang, teilweise recht ausgesetzt, so dass vielleicht 10 % der Strecke fahrbar übrig bleiben. Ohne Fahrrad im Gepäck ist man hier eindeutig besser ausgestattet. Eine schon literaturbekannte, haarige Stelle mit Absturzgefahr ist dabei, an der Karin mir ihr Rad anreichen muss, sonst hätte sie die »Weiterfahrt« verweigert. Immerhin beeindruckend ist der weittragende Blick ins Tal zum See und dem auffallend winkeligen Gebäude des Rifugio Vallanta. Ich bin trotz aller Schönheit der Landschaft froh, als wir endlich den querenden Wanderweg hinauf zum Colle Losseta erreichen. Von hier sind es nur noch leicht schiebbare 100 hm hinauf zum nächsten Pass.

Auf dem Weg dorthin liegt noch eine stark verfallene Kasernenruine, vor der sich zwei Gruppen junger Franzosen bei einer Brotzeit ausruhen. Ich werde angesprochen, wo wir denn herkommen; sie können kaum glauben, dass wir am Rif. du Viso vorbei das Tal hinaufgestiegen sind. Der Pass selbst ist ebenfalls von pausierenden Wanderern stark umlagert. Es steht sogar ein Mountainbike einsam an einen Felsen gelehnt, den Fahrer kann ich aber nicht ausmachen. Wenig später kommt er ein zweites Rad tragend hinauf, gefolgt von seiner sehr sportlich ausschauenden eleganten Frau, die aber etwas abgekämpft wirkt.

Wir machen noch ein paar Beweisfotos, dann schieben wir das erste steile und staubig, rutschige Stück hinunter bis die Steilheit etwas nachläßt und ein Fahren ohne eigene oder Wanderergefährdung möglich wird. Der Fußgängerverkehr bleibt auf dem ersten Drittel der Abfahrt sehr lebhaft, immer wieder gilt es, rücksichtsvoll anzuhalten. Stellenweise gibt es auch noch Schiebepassagen, aber das meiste ist für mich fahrbar. Karin tut sich allerding deutlich schwerer, sie hat einen erheblich höheren Schiebeanteil. Wir passieren das ebene Wiesengelände der Grange Bernard, über das es im Sonnenschein flott dahin geht, bis der Pfad wieder steiler und steiniger zur Grange del Rio abfällt. Hier stoßen wir auf die Passstraße zum Colle dell'Agnello, der wir links ab ins Tal folgen müssen. In Summe kommen wir so zu einer Abfahrt, die das Gleichgewicht zur Bergaufplackerei wieder einigermaßen herstellt; im Durchschnitt nicht zu technisch, aber auch nicht zu simpel zu befahren.

Der asphaltierten Passstraße folgen wir hinunter Richtung Valle Varaita vorbei an Chianale, das durch seine steingedeckten Häuser auffällt. Ich fahre, das Gefälle nutzend, flott voraus und überlege einen Augenblick, abzubremsen und zurück durch den Ort zur Besichtigung zu fahren, rolle dann aber auf der Landstraße ungebremst weiter. Wenig später muß ich mir von Karin anhören, dass das wohl keine gute Idee war, denn sie hätte sich den fotogenen Ort gerne näher angesehen. Dafür machen wir in Pontechianale, unmittelbar an dem kleinen Stausee Halt an einer Bar; wir setzen uns für eine Erfrischung mit Kaffee und Kuchen auf die sonnenbeschienene Terasse. Anschließend geht es, flott der Landstraße folgend, bergab bis nach Sampeyre, wo wir direkt unser Wunschhotel Alte Alpi ansteuern. Seit zwei Tagen hatte ich vergeblich versucht, telefonisch für uns zu reservieren, aber am anderen Ende der Leitung hatte keiner abgenommen.

Glücklicherweise ist der Sohn des Hauses vor Ort; er spricht gut Englisch und weist uns ein Doppelzimmer mit gleich zwei Schlafzimmern zu. Die Räder kommen in einem Kellerraum unter Verschluss. Die Probleme mit der telefonischen Erreichbarkeit kann er bestätigen, der Hauptanschluss (+39 0175 977110), auf dem auch das Fax-Gerät läuft, ist seit Tagen gestört; er weist aber auf eine zweite Telefonnumer hin (+39 0175 977208), die problemlos funktioniert (die war uns nur leider nicht bekannt). Nach der üblichen Hygiene bezahlen wir schon mal die Rechnung (HP: 50 EUR) und bekommen vom Seniorchef ein Frühstück für 6:00 Uhr zugestanden; normalerweise wäre das erst ab 7:00 Uhr. Zudem ist der Junior so freundlich und bucht nach Anfrage auch gleich unseren morgigen Aufenthalt in Marmora bei der Pensione Ceaglio. Wir streifen noch kurz durch den Ort, kaufen Verpflegung für morgen ein und finden uns schließlich zum Abendessen wieder im Hotel ein. Trotz unseres schon etwas fortgeschrittenen Alters, können wir das Durchschnittsalter der Gäste deutlich senken; egal, das Viergängemenü schmeckt sehr gut, sogar der Liter Rotwein ist im Preis mit inbegriffen.

Etappe 4: Sampeyre - Marmora

Tabelle 5: Daten der vierten Etappe
RouteSampeyre - Colle di Sampeyre - S. Martino - Bassura - Macra - Colleto - Palent - Marmora
DatumDienstag 06.08.2013
Entfernung56,6 km
Netto Fahrzeit6:30 h (Karin: 8:07 h)
Brutto Fahrzeit10:57 h
Bergauf2272 m
Bergab2308 m
ÜbernachtungPensione Ceaglio, Tel. +39 0171 998114
KartenIGC 6, Monviso; IGC 7, Valli Maira Grana Stura
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag4.gpx (Kartenansicht)

Im Speiseraum ist das Frühstück für alle Gäste schon komplett aufgebaut, als wir ihn um 6:00 Uhr betreten. Auch heute habe ich wegen des reichhaltigen Abendessens vom Vortag noch keinen rechten Apetit. Eine Baguettescheibe mit Schinken und ein krosses Müsli mit Joghurt müssen erstmal reichen. Die Räder sind schnell aus dem schon aufgeschlossenen Kellerraum geholt. Wir starten den Tag mit einem kurzen Schlenker zum nächsten Trinkbrunnen im Ort, um dort die Flaschen aufzufüllen. Anschließend beginnen wir die Auffahrt zum Coll Sampeyre über eine schmale Asphaltstraße, die im Ort in Richtung Elva ausgeschildert ist. Mit gleichmäßiger Steigung geht es durch den Wald hinauf, die Temperaturen sind wegen der geringen Starthöhe (970 m) sehr mild. Ein Kurzarmhemd ohne Armlinge reicht vollkommen. Die Route verläuft entlang des lokalen Ski-Gebietes, so dass wir gelegentlich den Wald verlassen und damit einen Blick auf die andere Talseite bekommen. Noch ist der Himmel weitgehend wolkenlos, nur dünne Fetzen sind nördlich auszumachen. Die Luftfeuchtigkeit ist aber recht hoch; es dauert nicht lange und ich bin gut durchgeschwitzt, der Schweiß tropft mir von der Stirn. Es gibt immer wieder Bachläufe, die die Straße queren und damit auch Gelegenheit, die Getränkeflaschen nachzufüllen.

In einer Linkskurve nach ca. 1000 m Höhengewinn machen wir kurz Rast für das zweite Frühstück. Von hier aus kann man den Mont Viso sehen, heute von der anderen Seite. Die Wolken entwickeln sich nun überall munter, die Thermikauslösetemperatur ist erreicht und die Bäume rauschen manchmal in der aufsteigenden Warmluft. Das Kondensationsniveau ist lediglich 50 m über uns, die Woken damit fast zum Anfassen. Bis zum Pass ist es nun nicht mehr weit, ich hoffe, dass uns die Wolken dort noch einen Rundblick über sie hinweg erlauben. Zwischendurch überholt uns ein Rennradler, mit dem ich am Pass noch ins Gespräch komme. Er wohnt unten im Tal und muss heute Nachmittag noch arbeiten. Er war auch schon mal zu Fuß auf dem Mont Viso, den wir von hier nun aber doch nicht mehr sehen können, da sich eine Wolke dazwischen geschoben hat. Seiner Erzählung nach kann man ihn ohne alpine Ausrüstung besteigen, lediglich im oberen Bereich muss man die Hände etwas zu Hilfe nehmen. Inwischen packen zwei weitere Rennradler ihre Räder aus dem geparkten Auto und machen sich auf den Weg bergab in Richtung Sampeyre. Diese Reihenfolge hat sicher ihre Vorteile beim Einschwitzen der Kleidung.

Die eigentlich von hier aus vorgesehene Zahn'sche Tourvariante über die Kanonenstraße dem Kamm entlang lassen wir fallen und folgen statt dessen einer Empfehlung aus dem Forum von mtb-news.de. Es geht zunächst noch die Passstraße hinab bis zur Abzweigung nach Elva, dabei können wir auf die quellenden Wolken im Valle Màira vor uns hinunterschauen. Hinter dem Refugio la Sousto biegen wir rechts auf einen Landwirtschaftsweg ab, der weiter hinunter bis zu einem runden Stallgebäude führt. Dort stoßen wir auf einen querenden GTA-Wanderweg. Diesem folgen wir nach links leicht bergab ohne großen Höhenverlust, später geht es durch den Wald. Anfangs noch als Landwirtschaftsweg angelegt, wird dieser bald zum schmalen, gut zu fahrenden Pfad, der die Landstraße nach S. Martino quert und sich im Kuhweidewald den Hang hinunter arbeitet. An zwei Stellen begegnen wir sogar einigen Wanderern, die schwitzend in der anderen Richtung unterwegs sind. Der Weg bleibt schmal und gut fahrbar, ohne tückische Stellen, aber durchaus die Aufmerksamkeit fordernd.

Nahe S. Martino mündet der Weg auf die Zufahrtsstraße; im Ort geht es dann links steil bergab durch die schmalen geteerten Gässchen. Vorsichtig kurven wir hier an einigen Fußgängern vorbei. Den Ort verlassen wir nach rechts, wobei stets eine markante farbige Markierung die Orientierung erleichtert. Der Weg zweigt bald wieder links ab, dort ist Radfahren verboten, sogar auf deutsch. Eine MTB-Route ist hier weiter geradeaus ausgeschildert. Wir steigen ab und folgen dem schmalen Fussweg durch einen Ortsteil, der anscheinend fest in deutscher Hand ist (daher wohl auch die Beschilderung). Am Ortsende steigen wir wieder auf und verlassen die Siedlung über ein leicht ansteigendes, schmales Asphaltsträßchen, von dem wir bald nach rechts hinab auf einen Pfad abbiegen. Dieser ist technisch etwas anspruchsvoller als zuvor, führt u.a. spektakulär durch ein abgebranntes Waldstück in dem die Bodenvegetation üppig wuchert, später als Saumpfad durch einen trockenen Laubwald. Dieser ist von tausenden Schmetterlingen bewohnt, die uns in allen Farbvarianten vor der Nase herumfliegen. Schlussendlich queren wir an einer alten Mühle noch einen Bach bevor wir uns im Talort Bassura di Stroppo von diesem Pfadfeuerwerk erholen. Wir sind uns einig, das war ein herausragender Höhepunkt der bisherigen Tour.

In dem kleinen Durchgangsort suchen wir nach einem Restaurant; von den drei vorhandenen hat nur eines geöffnet, es nennt sich Sorsi & Morsi. Die Räder finden in Sichtweite der Terrasse hinter einem Denkmal einen ruhigen Stellplatz, während wir auf der anderen Seite der Straße ein Stockwerk höher ein preiswertes aber sehr geschmackvolles dreigängiges Menü einnehmen. Eigentlich hatten wir nur zwei Gänge geplant, aber die nette Wirtin läßt nicht locker und drängt uns noch einen Nachtisch auf.

Gut gestärkt geht es zum zweiten Teil des Tages zunächst hinab über die Landstraße bis kurz vor Macra, dann rechts über den Flusslauf hinein in eine schmales Tal, wo bald rechts hoch die Straße nach Colleto und Palent abbiegt. Hier unten auf 800 m ist es richtig warm, Grund genug, zügig den Anstieg zu beginnen. Zwischendurch beginnt es zu tröpfeln; es wird aber kein ernsthafter Niederschlag daraus, es fällt lediglich so viel, dass die Straße nass wird. Vorbeugend ziehen wir aber dennoch den Regenschutz über die Rucksäcke. Auf der schmalen Asphaltstraße kommen wir gut voran, Autos begegnen uns auch gerade mal zwei Stück. Trinkwasserstellen gibt es hier nur wenige, hinter Garini finden wir glücklicherweise nochmal eine Quelle zum Auffüllen der Vorräte.

Den Weiler Palent umfahren wir auf einem Forstweg, der immer noch ansteigend in den Wald hinein verläuft. Erst an einem Bachlauf beginnt der lang erwartete Pfad, der schließlich in einen sehr steilen Anstieg mündet. Zunächst bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir hier überhaupt richtig sind, aber die Beschilderung »Marmora« weist zum korrekten Ziel. Nach der mühseligen Schiebestrecke geht es wellig weiter; erst hinter dem Colle dell'Encuccetta, der, abgesehen von seiner Beschilderung, als Pass eigentlich garnicht erkennbar ist, wird es besser. Jetzt endlich gibt es lange Geradeausstrecken, die uns durch den Hangwald zügig dem Ziel näher bringen. Nicht mehr weit von Marmora entfernt kommen drei Schweizer MTBler in einem roten Teamtrikot von hinten angeheizt, die sich gegenseitig zu überholen oder zumindest zu behindern suchen. Kaum sind sie an uns vorbei, verlangsamt sich ihr Tempo, als wollten sie nur kurz zeigen, was in ihnen steckt. Endlich verläßt der Weg den Wald und führt durch offenes Gelände hinab wieder auf eine Straße, von der wir noch mal für ein letztes Pfadstück abbiegen. Dieser endet unweit unserer Unterkunft in Marmora.

Der Name »Pensione Ceaglio« ist leicht irreführend, denn bei dieser Pension handelt es sich um einen schon fast hotelartigen Gebäudekomplex, der durch die Umgestaltung eines ganzen Weilers einstanden ist. Es gibt eine großzügige Fahrradgarage mit Stellkapazitäten für ca. 30 Räder, einen separaten Waschplatz, mehrere Wohngebäude, in denen sich Gästezimmer auf bis zu drei Ebenen befinden und ein Hauptraum mit dem Restaurant. Der von den Gebäuden umsäumte Innenhof wird bei gutem Wetter als Freiluftrestaurant genutzt. Bei der Anmeldung bekommen wir gleich einen Wohnbereich für fünf Personen zugewiesen. Die Innenausstattung ist sehr modern gehalten, mit LED-Beleuchtung und einem sehr schicken Bad. Wir starten rasch unsere Waschroutine, denn bis zum Abendessen dauert es nicht mehr lange. Die Tische sind zunächst im Innenhof der Wohnanlage aufgebaut, aber leider beginnt kurz vor Eröffnung des Essens eine Wolke, ihren Inhalt über uns auszuschütten. Alles, was nicht zufällig unter Sonnenschirmen steht, muss in großer Eile in den Gastraum geräumt werden. Es gibt ein Siebengängemenü, das von der Qualität gegen das heute Mittag liebevoll hergerichtete und servierte Menü nicht ganz mithalten kann, aber wir sind zufrieden und werden vor allem satt. Die bei einigen Gängen angebotenen Nachschläge lehnen wir dankend ab.

Nach dem Essen zahlen wir (HP: 74,50 EUR, in Bar, EC-Karte geht nicht) und fragen nach dem frühest möglichen Frühstückstermin für morgen. Statt des Frühstücks wird uns ein Lunchpaket angeboten, was wir natürlich gerne annehmen.

Etappe 5: Marmora - Sambuco

Tabelle 6: Daten der fünften Etappe
RouteMarmora - Colle d'Esischie - Colle dei Morti - Colle della Bandia - Rif. Gardetta - Passo di Rocca Brancia - Pontebernardo - Sambuco
DatumDonnerstag 07.08.2013
Entfernung51,7 km
Netto Fahrzeit5:33 h (Karin: 6:33 h)
Brutto Fahrzeit9:28 h
Bergauf1843 m
Bergab1861 m
ÜbernachtungOsteria della Pace, Tel. +39 0171 96550
KarteIGC 7, Valli Maira Grana Stura
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag5.gpx (Kartenansicht)

Nach einer ruhigen Nacht in unserem luxuriösen Heim klingelt Karins Wecker um 5:30 Uhr; ich gebe ihr 10 min Vorsprung, bevor ich aufstehe. Die Sachen sind mit gewohnter Routine schnell gepackt und die Räder aus der schicken Garage befreit, welche schon ab 5:00 Uhr für Reisende geöffnet ist. Der Weiler ruht noch in der Dämmerung, ein paar wasserschwangere Wolken treiben über das Tal und verkünden zunächstmal keinen trockenen Tag. Wir radeln die asphaltierte Nebenstraße bergauf, die bald in einen Forstweg übergeht. An einem Anstieg links vom Bach weg können die Wolken ihre Wasserladung nicht mehr halten und lassen sie für einige Minuten auf uns herunter tropfen. Immerhin ist es so viel, dass der Regenüberzug der Rucksäcke seinen Zweck erfüllen kann und die Straßen komplett nass werden. Hinter dem Weiler Torello geht es auf der schmalen Durchgangsstraße bergauf, letztendlich bis zum Colle d'Esischie auf 2370 m, doch bis wir dort ankommen, werden noch mehr als drei Stunden vergehen.

Die Strecke ist um diese Uhrzeit kaum befahren, lediglich ein einsamer Motorradfahrer kommt uns mal von oben entgegen. Das bedeutet aber nicht, die Straße wäre unbelebt; dutzende Murmeltiere wohnen auf beiden Seiten und pfeifen uns ihr bekanntes Alarmlied entgegen. An einer Brücke wechseln wir die Hangseite; von hier haben wir einen freien Blick zurück über das Màrmoratal bis zum Monte Viso. Die eben noch abregnende Wolkenschicht ist unten hängen geblieben, steigt aber langsam hinter uns her. Weiter oben passieren wir noch einen einsam abgestellten Campingbus, dessen Bewohner noch schlafen. Vorbei an mehreren Almgebäuden verlassen wir langsam den bewaldeten Bereich und queren weitläufige Grashänge mit Sicht auf die Begrenzungsberge der nahen Gardetta-Hochebene. An der Alpe Valanghe ist nach rechts eine grobschottrige Mountainbikeroute ausgeschildert, die über den Colle del Mulo zur Hochebene führt, wir bleiben aber weiter auf unserer glatten Asphaltstraße.

Am Colle d'Esischie machen wir kurz ein paar Fotos; von hier gibt es interessant aussehende Pfade, die als Mountainbikerunde z.B. am Monte Tibor vorbei führen, statt dessen fahren wir weiter rüber zum Colle dei Morti (2480 m), an dem das etwas grobschlächtige Pantani-Denkmal zu bewundern ist. Hier hoch haben sich auch schon ein paar ältere italienische Autofahrer gekämpft, für die ich den Fotografen zum gemeinsamen Gruppenfoto spielen darf. Die Wetterstimmung ist hier eher ungemütlich kühl und windig. Zum Flachland hin liegt eine geschlossene Wolkendecke und die Sonne will nur fahl durch eine hohe Zirrenschicht zu uns durchdringen. Wir bleiben daher nicht lange und fahren leicht bergab durch die karge Felsenlandschaft hinunter zum Einstieg in die Gardetta-Hochebene. Rechts ab geht es auf einer Schotterstraße (Màira-Stura-Kammstraße) weiter, auf der gemäß Beschilderung motorisierter Verkehr ansich nicht erlaubt ist; wir treffen aber immer wieder auf PKWs, kurz vor dem Rif. Gardetta sogar auf eine deutsche Motorradfahrergruppe.

Die Hochebene selbst ist von markanten Felsformationen gesäumt, wie z.b. dem Rocca la Meja, und wird als weiträumiges Weideland genutzt. Schon von weitem erkennt man viele Pass- und Wegvarianten, die teilweise als MTB-Routen ausgeschildert sind und eigentlich zu einem längeren Aufenthalt einladen. An den Ruinen einer Kaserne beim Colle della Bandia machen wir kurz Pause. Obwohl ringsherum das Wetter grau und wenig einladend wirkt, haben wir über uns eine föhnige Auflockerung, die uns mittlerweile mit Sonnenschein versorgt. Ich bleibe skeptisch, denn das muss nicht von Dauer sein. Bald ist nach rechts hin wieder der Mont Viso oberhalb der Wolken des Màira-Tales auszumachen; es ist aber recht diesig und bald verbirgt er den Gipfelbereich hinter einer Wolkenhaube. Kurz vor dem Rif. Gardetta geht es nochmal sehr holprig zu einer Weggabelung bergab; hier gilt es, den Lenker gut festzuhalten.

Am Rifugio kehren wir kurz für einen Café Latte ein (2 x 2,50 EUR). Auf regelmäßigen MTBler-Besuch ist man hier gut eingerichtet; davon zeugt das professionelle Radparkkonzept, bei dem das Rad am Sattel auf einer horizontal gehalterten Stange aufgehängt wird. Zudem gibt es einen rot gestrichenen Notversorgungskasten, in dem Reparaturwerkzeug für Mountainbiker sorgfältig einsortiert ist. Außer uns pausieren dort noch zwei italienische Mountainbikerinnen und eine Handvoll Wanderer. Das Wetter trübt wieder ein und im frischen Wind wird das Herumsitzen ungemütlich; Zeit für den Aufbruch. Leicht ansteigend folgen wir der groben Militärstraße zum Passo Gardetta; manchmal kann man vom Weg nach rechts oder links etwas ausweichen, dort leistet der Belag beim Fahren keinen so hohen Widerstand. Vom Pass aus geht es links Richtung Passo Rocca Brancia, wo ich ein paar Schiebehöhenmeter erwarte. Die alte Militärstraße ist an manchen Stellen vom Hangschotter überdeckt, aber es gibt immer ausreichend gepflegte Pfade, um zumindest daran vorbei zu schieben. Nur an einer Stelle weiter oben hat sich ein größeres Hangstück gelöst, so dass ein Schüttkegel überklettert werden muss. Die auf der Straße liegenden Felsbrocken haben teilweise beeindruckende Dimensionen. Ein Blick nach oben zu den steilen Felswänden lässt unmittelbar die Hoffnung aufkeimen, dass sich so ein Ding nicht im nächsten Augenblick lösen möge.

Vom Pass geht es wieder über Pfade an Bunkeranlagen vorbei bergab, zunächst noch leicht fahrbar rechts am Hang entlang, doch auch hier hat die alte Militärstraße stark unter der Schotterberieselung gelitten, so dass wir wieder Gelegenheit zum Schieben bekommen. Bald verlassen wir den alten Straßenverlauf und zweigen links ab hinunter ins Tal. Meist fahrbar, aber immer wieder wegen der eingestreuten groben Felsbrocken nicht ganz ungefährlich rollen wir den Weg hinunter. Der Verlauf ist sehr abwechslungsreich, mal schmal, mal flach, dann wieder steiler, mal auf weichem Wiesenboden, dann wieder über felsig-schottrige Steilstücke, die keinen rechten Fahrrhythmus aufkommen lassen. Vor allem im unteren Bereich wird deutlich, dass der Pfad hauptsächlich als Viehstiege genutzt wird und nur wenig von Wanderern, von denen wir auf der langen Strecke gerademal zwei ausmachen können. Die Kühe haben nicht nur ihre Ausscheidungen auf dem Weg hinterlassen, sondern auch einiges an losen Steinen auf die Fahrspur getreten, so dass stets Aufmerksamkeit gefordert ist. Auch wurden wir permanent von einem kleineren Schwarm Fliegen begleitet, die uns offenbar mit Kühen verwechselten. Weiter unten windet sich der Weg malerisch durch die Ruinen alter Almgebäude, anhand der rot/weißen Markierung behält man auch hier leicht die Orientierung. Die letzten Höhenmeter bauen wir in einem bröseligen Spitzkehrensalat ab, der mein Können eindeutig überschreitet.

Wieder unten an der Landstraße schwenken wir gleich links ein und ignorieren damit den Zahn'schen Vorschlag, an der gegenüberliegenden Hangseite noch etwas oberhalb einen Forstweg entlang nach Sambuco zu fahren. Statt dessen rauschen wir auf Asphalt bergab bis nach Pietraporzio, wo wir direkt an der Straße in ein Café einkehren und uns auf der Sonnenterrasse gleich zwei Cappuccino mit Gebäck gönnen. Hier finde ich Zeit, die Karte noch etwas zu studieren und einen Forstweg am rechten Ufer des Stausees vorbei zu finden, der uns nach kurzer Fahrt wieder auf die Zahn'sche Strecke bringt. In den Ort Sambuco geht es dann noch leicht hinauf, im Ort selbst ist die Osteria della Pace an der Durchgangsstraße schnell ausgemacht. Dank Vorabreservierung durch Hannes bekommen wir sofort unser Zimmer (Nr. 1) gezeigt. Der Juniorchef bietet uns noch einen Wasserschlauch für die Radwäsche an, den wir gerne nutzen. Auch hier ist die Radgarage gut ausgestattet, der Hängebalken bietet reichlich Platz, allerdings sind wir heute die einzigen, die das nutzen. Danach beziehen wir unsere Dreibettwohnung, die sogar eine kleine Küche besitzt.

Die Qualität des Abendessens ist mir schon aus dem Internet bekannt, es gibt heute unglaubliche acht Gänge, dazu habe ich uns von der Weinkarte einen Lagen-Dolcetto ausgesucht, der trotz seines moderaten Preises von 15 EUR, den Speisen nicht nachsteht. Bis auf einen kleinen Tisch ist das übersichtliche Restaurant komplett belegt, vornehmlich durch Hausgäste, vermute ich. Am späten Abend treffen dann noch vier Franzosen ein, die offenbar zu Fuß auf dem GTA unterwegs waren und mit der Zeit etwas zu knapp kalkuliert hatten. Damit ist dann auch der letzte freie Tisch belegt. Nach dem Essen bringt uns der Juniorchef, der uns auch meistens bedient, eine zusammengeheftete Sammlung von elf örtlichen MTB-Touren an den Tisch; sie ist in Deutsch verfasst und besteht jeweils aus einer Karte mit rot hervorgehobener Route, einer textlichen Beschreibung und einem Höhenprofil. Er hat die Routen selbst zusammengestellt, für die Vorortbeschilderung gesorgt und von Bekannten ins Deutsche übersetzen lassen. Wir verstehen das als Einladung zum Wiederkommen, mal sehen, wenn die Anreise nur nicht so weit wäre. Nachdem für den morgigen Tag schlechtes Wetter angekündigt ist, verlängern wir unseren Aufenthalt um einen Tag. Dafür müssen wir zwar am nächsten Tag in das Nachbarzimmer (Nr. 2) umziehen, aber das ist bei unseren Gepäckvolumina das geringste Problem.

Ein Tag Regenpause

Am nächsten Morgen setzt der Regen genau um 6:46 Uhr ein. Während des Frühstücks wird daraus ein kräftiger Landregen. Die Strecke zum Colle della Lombarda wäre bei diesen Bedingungen nicht zum Spaß geworden und die Passage über die Bassa del Duros wäre in den Wolken auch kein visuelles Vergnügen mehr. Die Entscheidung, hier zu bleiben, war also genau richtig; zudem, welche Unterkunft wäre dazu besser geeignet? Bis Mittag ist das Regengebiet durchgezogen und hinterläßt eine klare Luft, wenn auch noch bei tiefer Wolkenbasis. Wir nutzen den Nachmittag für eine kleine Wanderung über den Sentiero Nove Borgate oberhalb des Ortes. Der ist in der Openstreetmap noch nicht vorhanden, also eine gute Gelegenheit, ihn zu ergänzen. Abends gibt es natürlich wieder ein gutes Essen, diesmal »nur« mit sieben Gängen und leider ist auch der Lagen-Dolcetto aus, aber auf der mehrseitigen Weinkarte, die eine beachtliche Anzahl piemonteser Weine listet, findet sich leicht ein passender Ersatz. Nach dem Essen bezahlen wir noch, denn morgen soll es dann wieder früh los gehen. In Summe kommen wir auf 277 EUR, leider ist die Rechnung nicht in Einzelposten aufgelöst, abzüglich des Weins und verdauungsfördernder Schnäpse sollten so ca. 55 - 60 EUR für die Halbpension übrig bleiben, ein deutlich günstigeres Angebot als gestern. Auch lassen wir bei dieser Gelegenheit unsere nächste Übernachtung in Trinità vorbuchen.

Etappe 6: Sambuco - Trinità

Tabelle 7: Daten der sechsten Etappe
RouteSambuco - Vinadio - Colle della Lombarda - Isola 2000 - Bassa del Druos - Entracque - Trinità
DatumFreitag 09.08.2013
Entfernung76,8 km
Netto Fahrzeit6:41 h
Brutto Fahrzeit10:41 h
Bergauf2137 m
Bergab2479 m
ÜbernachtungLocanda del Sorriso, Tel. +39 0171 978388
KartenIGC 7, Valli Maira Grana Stura; IGC 8, Alpi Marittime e Liguri
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag6.gpx (Kartenansicht)

Heute halten wir ausnahmsweise mal die normale Frühstückszeit ein, denn ein Gewitter ist heute nicht zu befürchten; so sind wir erst um 7:30 Uhr am Buffet. Um 8:00 Uhr sind wir startbereit, durchqueren den Ort und begeben uns direkt über die Landstraße hinunter nach Vinadio. Besonders der Aufenthalt in Marmora hat unseren Bargeldbestand stark gebeutelt, er muß am nächsten Geldautomaten wieder aufgefüllt werden. Von dort geht es wieder hoch vorbei an Pratolungo über die Serpentinen ins Vallone di S. Anna. Zunächst ist es noch recht frisch unter dem wolkenlosen Himmel, sogar der Atem kondensiert. Bald wechselt die Straße auf die sonnenbeschienene rechte Hangseite, was die Temperaturen erträglicher macht. Die Straße ist belebter, als ich erwartet habe. Rennradler, Motoradfahrer und Autoausflügler sind zahlreich unterwegs. Besser wird die Situation erst, als wir etwas unterhalb von S. Anna nach links auf den Schotterweg abbiegen können. Hier nehmen wir erstmal das zweite Frühstück ein, dann geht es auf dem gut fahrbaren Holperbelag weiter bergauf.

Auf den ersten paar hundert Metern sind rechts und links der Straße Leute in der Natur verteilt, die an einer Art Hausaufgabe zu arbeiten scheinen. Manche machen sich Notizen, andere lesen in einem Buch, wieder andere fotografieren. Weiter oben begegnen wir einer Gruppe Reitern, die einem Westernfilm entlaufen zu sein scheinen und mit ihren Pferden bergab gehen. Wenig später kommt uns eine Gruppe mit Geländerollern entgegen. Der Führer hat eine GoPro-Kamera auf dem Helm, ihm folgen mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit Leute im Alter zwischen ca. 10 und 50. Die nun etwas gröbere Schotterpiste mündet schließlich in Serpentinen direkt am Colle della Lombarda. Oben machen wir noch einen kurzen Abstecher rechts zu einer alten Bunkeranlage, nur der Fotos wegen. Dann folgen wir der Asphaltstraße hinunter nach Isola2000 und sind damit zum zeiten Mal auf unserer Tour in Frankreich. Unten in dem Ski-Ort nehmen wir die zweite Straße links rein, direkt zum Einstieg in den Wanderweg hinauf zur Bassa del Druos. Die übliche, in dem Talkessel sehr weit ausladende Zahn'sche Variante, bei der man anscheinend auch leicht die Richtung verlieren kann, wollen wir uns damit sparen.

Der Pfad steigt direkt steil an, Tragen ist damit erstmal angesagt. Wenig später wird der Weg schiebbar, mit angenehmer Steigung. Wir treffen sogar auf einen asphaltierten Fussweg, dem wir bis zu einer Skipiste folgen. Hier geht es links ab bis zum Einstieg in den weiterführenden Wanderweg. Zunächst tragen wir wieder über gröbere Geröllblöcke, dann geht es mehr oder weniger schiebend über den mal mehr, mal weniger steil ansteigenden Bergpfad. Einzelne Wanderer kommen uns entgegen, die uns vermutlich wegen unseres Ballasts verwundert ansehen. Bald treffen wir auf den Querweg der Zahn'schen Route und folgen diesem nach links immer noch bergauf, aber nicht mehr ganz so holprig. Vorbei an kleinen Seen treffen wir bei einer Pause ein zweites deutsches Paar mit Rädern, die heute ebenfalls in Sambuco gestartet sind und auch in der Osteria untergebracht waren, allerdings schon um 7:00 Uhr aufgebrochen sind. Erstaunlich, wir haben also eine volle Stunde auf sie aufgeholt. Sie sind auf einer Route unterwegs, die letztendlich in Riva Ligure enden soll.

Weiter schiebend und nur kurz fahrend folgen wir dem Weg hoch bis zum Pass. Vom Durchstieg aus hat man einen phantastischen Blick auf die kleinen Seen unterhalb und das alte Kasernengebäude, das sich prominent über diesen erhebt. Auf zwei der Seen schwimmt sogar noch Eis. Die Abfahrt, jetzt wieder nach Italien zurück, gestaltet sich nicht zu schwierig. Zwar gibt es hin und wieder Stellen, die zum Absitzen zwingen, wie z.B. glitschige Bachdurchfahrten, was aber eher ablenkt, ist der optische Eindruck dieser Hochgebirgslandschaft. Beim Fotografieren ist es eher schwierig, den richtigen Augenblick zu finden, da die themische Bewölkung das Gelände immer wieder abschattet. Am Kasernengebäude vorbei wird der Weg dann deutlich holpriger, wenngleich sich die Erbauer sehr viel Mühe mit der Pflasterung gegeben haben.

Hinter dem größeren der beiden Seen gibt es wieder einen Abbruch, der zunächst vorbei an von Gletschereis glattgeschliffenen Felsformationen führt. Hier hat man dann die Alternative zwischen der alten Militärstraße und einem etwas gröber angelegten Pflasterweg. Wir entscheiden uns für Variante 1 fahren damit durch den kurzen Tunnel, der problemlos ohne Licht passierbar ist. Dahinter ist der Weg teilweise verschüttet oder auch abgebrochen, so dass wir kurz schieben müssen. Danach geht es aber hindenisfrei weiter bergab. Urplötzlich wandelt sich der Wegbelag dann nochmal von feinkrümelig in eine bachbettartige Rundsteinpiste, fast wäre ich hier zu schnell gewesen. Solche Stellen gibt es noch mehrfach bei der Abfahrt. Unten am Talboden muß ein Bachlauf mit Hilfe einer windigen Holzbrücke gequert werden, die als Vorlage für Achterbahnkurse dienen könnte, dahinter ist über immer noch relativ groben Untergrund bald das alte Jagdschloss erreicht. Dieses präsentiert sich heute in nicht ganz so seriös wirkender beige/brauner Streifenbemalung.

Wer wie ich denkt, das schlimste Geholpere wäre jetzt vorbei und der Weg bis zur Therme Valdieri wäre nur noch ein Abgleiten der verbleibenden Höhe, der sieht sich nun getäuscht. Wie auf Eisenbahnschotter fahrend setzt sich das grobe Gerüttel fort bis unten zum Parkplatz. Viele Fußgänger sind hier auf dem Weg zurück von ihrem Tagesausflug; dank des laut rauschenden Bachs hören sie die nahenden MTBler erst sehr spät, oder garnicht, was die Abfahrt auch nicht leichter macht. Vom Parkplatz aus vorbei an der Therme läßt sich die Asphaltstraße zügig bergab befahren; ich leiste mir ein kleines Rennen mit einem dünen Rennradfahrer, der ständig treten muß, um mit meinen Hangabtriebskräften mitzuhalten. Unten biegen wir am Kreisverkehr rechts ab, damit geht es wieder aufwärts in Richtung Entracque. Hier können wir einen Radlweg nutzen, der einen angenehmen Abstand zum Autoverkehr bietet.

In Entracque gehen wir noch kurz einkaufen, die nächsten zwei Tage werden dafür wohl keine Gelegenheit bieten. Außerdem sind noch zwei Bierflaschen mit dabei, damit der Abend in Trinità nicht zu trocken startet. Die neue Last muß noch einige Höhenmeter über eine schmale Asphaltstraße hochgeschleppt werden, die Strecke zieht sich. Dann endlich, nur eine Stunde vor dem Abendessen, sind wir an dem Posto Tapa. Die Räder werden hinter dem Haus verstaut, ein einfaches Zimmer mit vier Etagenbetten beziehen wir für uns allein. Bettzeug und Handtücher werden heute in Eigenleistung gestellt, dafür haben wir sie schließlich dabei. Das Abendessen ist bei weitem nicht so üppig wie an den letzten drei Abenden, zwei Gänge müssen heute reichen, glücklicherweise gibt es einen Nachschlag. Am Nebentisch sitzt ein deutscher Wanderer, der von den 60 Etappen der GTA nun beinahe alle geschafft hat. Er ist fast 80, alleine unterwegs und möchte die letzten noch hinter sich bringen, bevor es zu spät ist.

Nach dem Essen bazahlen wir noch (HP: 42 EUR) und bitten den Wirt, für uns die morgige Übernachtung im Rifugio Don Barbera (Tel . +39 0174 542802) zu reservieren. Leider kommt er nicht durch, auf der anderen Seite nimmt keiner ab. Das Frühstück soll es erst ab 8:00 Uhr geben, das ist uns allerdings zu spät. Wir bekommen es statt dessen schon abends vorbereitet in den Speisesaal gestellt, Kaffee und Milch werden in Thermoskannen vorbereitet.

Etappe 7: Trinità - Limonetto

Tabelle 8: Daten der siebten Etappe
RouteTrinità - Colle ovest del Sabbione - Colle di Tenda - Limonetto
DatumSamstag 10.08.2013
Entfernung39,2 km
Netto Fahrzeit4:23 h
Brutto Fahrzeit7:42 h
Bergauf1136 m
Bergab1394 m
ÜbernachtungHotel Edelweiss, Tel. +39 0171 928138
KarteIGC 8, Alpi Marittime e Liguri
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag7.gpx (Kartenansicht)

Zu unserem Individual-Frühstück finden wir und um 7:00 Uhr als Einzige im Speisesaal ein, als Brotbelag gibt es heute die reine italienische Variante, also nur Süßes. Nach einer halben Stunde sitzen wir auf und radeln die schmale Asphaltstraße weiter bergauf. An einer alten Steinbrücke, direkt unterhalb eines spektakulären Wasserfalls, queren wir den kleinen Fluß; von dort geht es auf Schotter weiter. So lange wir am Wasserlauf bleiben, ist die Strecke gut fahrbar. Bald biegt der Weg jedoch links ein in den Hang, dann wird es richtig steil. Schieben bedeutet für die Beine jetzt die geringeren Qualen. Der Belag wird ebenfall zunehmend gröber, so dass Fahren nun völlig ausscheidet. In einem Almgelände endet der Fahrweg an einer Brücke, die wir queren, um weiter über die Weide bergan zu schieben. Jetzt zieht sich der Weg aber wirklich über das kuhgedüngte Almgelände. Rechts oberhalb am Hang können wir ein Rudel Gemsen im Sonnenlicht ausmachen. Der Holperweg ist dekorativ von kleinen aufrechtstehenden Steinen umsäumt, die die fehlende Farbmarkierung kompensieren müssen. Bevor sich der Weg an der Gias della Culatta (1896 m) links am Hang hinaufarbeitet, holt von hinten ein einsamer Mountainbiker ohne Reiserucksack auf. Er ist Sportstudent in Insbruck und arbeitet in den Semesterferien bei »Fahrtwind« in Rosenheim als Tourenguide. Mit seinem Chef, der im Geländewagen von Rast zu Rast fährt, ist er auf Probefahrt für eine neue Routenführung eines Reiseangebotes mit Gepäcktransport; am liebsten möchte er heute noch bis Ventimiglia (ja, ja, ...).

Bald ist er auf und davon, wir folgen hinterher, merken dann aber bei einem Blick aufs GPS, dass wir einem Kuhpfad aufgesessen sind, der richtige Weg verläuft weiter links. Auch unser junger Tourenguide kommt zurück, als er merkt, dass er in eine Sackgasse geraten ist. Jetzt ist wieder Tragen angesagt, wie ich das vermisse. Der steile Weg ist schiebend nicht zu machen; durch Erlenbüsche windet er sich im Zick-Zack den Hang hninauf, später etwas ebener durchs Geröll. Der Weg ist schließlich sorgfältig im Felshang angelegt bis er den »Lago della Vacca« erreicht. Wir verschnaufen kurz, dann schieben wir das kurze Stück bis zum Colle Ovest dei Sabbione (2330 m) hinauf. Oben angekommen begrüßt uns eine sonnenbeschienene Graslandschaft, die zum Nationalpark Mercantour gehört. Eine Tafel mit Symbolen weist uns darauf hin, was hier alles verboten ist: Hunde, Müllentsorgen, offenes Feuer, laute Musik und Zelten. Das Radlverbot ist nicht explizit ersichtlich, wenngleich eine verschlissene Freifläche, auf das ursprüngliche Verbot hinweist. Ich mache mir da zunächst keine weiteren Gedanken und so rollen wir zum dritten Mal nach Frankreich hinein über den steinumsäumten Wiesenpfad bergab. Dieser verläuft als schottriger Bergpfad bald höhengleich am Hang entlang und läßt sich bis auf kleinere Unterbrechungen spaßig fahren.

Nach etwas mehr als der Hälfte begegnet uns ein Mann, der mit seinem Sohn unterwegs ist. Er fragt nach unserer Nationalität; noch ahne ich nichts Böses und antworte ganz normal. Er stellt sich dann auf Englisch als Nationalparkwächter vor und macht mich darauf aufmerksam, dass hier Radlfahren verboten wäre. Nach längerer Diskussion darüber, dass am Eingang keinerlei Verbotszeichen in dieser Richtung vorhanden wäre, erläßt er uns die Hälfte der Strafe, nimmt aber dennoch die Personalien auf. Wir bekommen eine Gebürenbescheid über 68 EUR überreicht, für dessen Begleichen es nur zwei etwas umständliche Optionen gibt. Die eine ist das Kaufen einer Gebürenmarke in einem französischen Tabackladen, die andere die Einsendung eines Cheques an die Postadresse der Parkverwaltung. Wir schieben den Rest der Parkpassage und rollen etwas frustriert weiter über die Schotterpiste Richtung Colle di Tenda. Dort angekommen versuche ich, die gestern gescheiterte Reservierung im Rifugio Don Barbera nachzuholen. Dieses Mal komme ich zwar durch, nur leider ist nichts mehr frei. Schlecht, aber was nun? Eine Alternativunterkunft hatte ich hier nicht vorbereitet, so stehen wir zunächst etwas ratlos da. Erst der Mist mit dem Knöllchen und nun das auch noch.

Wir fahren zunächst zu dem Restaurant Le Marmotte auf der italienischen Seite des Passes ein paar Meter hinunter. Ich frage dort nach Übernachtungsmöglichkeiten in der Nähe. Die Wirtsleute sind sehr freundlich, haben genau für diesen Zweck sogar einige Visitenkarten beim Telefon ausgehängt. Der Chef telefoniert verschiedene Optionen ab, bei denen erstmal nichts mehr frei ist. Schließlich findet sich im Hotel Edelweiss hinter Limonetto noch ein einzelnes Zimmer, dass kurz vorher abgesagt wurde. Für den Weg hinab wählen wir auf Anraten der Wirtin nicht die Passtraße, sondern hinter dem Haus den Wanderweg duch das Weidegelände. Dieser ist zwar an den Farbmarkierungen gut zu erkennen, es gibt aber keine richtige Spur in der Wiese. Wir müssen zwischen ein paar Kühen hindurch, einen Stier, der sich ebefalls in der Gruppe befindet, umschieben wir mit etwas mehr Sicherheitsabstand am Hang entlang. Den düngenden Hinterlassenschaften der Kühe immer wieder ausweichend geht es langsam hinunter, vorbei an der einsam gelegenen Albergo Arrucador, die heute ebenfalls ausgebucht ist. Unten durchfahren wir Limonetto und treffen dann auf die Hauptstraße. Nach rascher Bergabfahrt ist auf der rechten Seite schnell das Hotel Edelweis erreicht, die Räder kommen in die Garage und wir dürfen ein einfaches aber sauberes Zimmer beziehen. Für morgen machen wir gleich das Frühstück um 7:00 Uhr aus, das gibt es als Beutel mit Getränken in Thermoskannen. Beim Warten auf Abendessen buche ich unsere Übernachtung für morgen im Rif. Allavena und die in Ventimiglia beim Hotel Calypso. Dieses Mal geht alles gut; die Reservierung im Calypso bekommen wir nur gegen Preisgabe meiner Kreditkartennummer, dafür ist es dann schon bezahlt, als wir ankommen :-(. Abends bekommmen wir unserem anscheinend von zwei Frauen bewirtschafteten Hotel noch ein leckeres fünfgängiges Menü.

Etappe 8: Limonetto - Rif. Allavena

Tabelle 9: Daten der achten Etappe
RouteLimonetto - Colle di Tenda - Col della Boaria - Rif. Don Barbera - Passo Tanarello - Passo die Collardente - Rif. Allavena
DatumSonntag 11.08.2013
Entfernung68,3 km
Netto Fahrzeit6:07 h
Brutto Fahrzeit8:47 h
Bergauf1932 m
Bergab1767 m
ÜbernachtungRefugio Allavena, Tel. +39 0184 241155
KarteIGC 8, Alpi Marittime e Liguri
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag8.gpx (Kartenansicht)

Um 8:00 Uhr stehen wir auf, das Frühstück nehmen wir heute auf dem Zimmer ein, Kaffee aus der Thermoskanne und das übliche süße Zeug aus der Einpackfolie. Kurz nach sieben holen wir die Räder aus der Garage, verstauen den Schlüssel wie geheißen und fahren der Hauptstraße nach die Serpentinen wieder hoch, bis rechts die Abzweigung zum Tenda Pass abbiegt. Hier geht es verkehrsmäßig ruhiger zu. Wir passieren den kleinen Skiort Panice Soprana und arbeiten uns dahinter die Serpentinen durch den Wiesenhang hoch. Nach halber Höhe nehme ich Karin an die Leine, damit kann ich meine Wartezeiten eliminieren. Bald haben wir unseren Startpunkt von gestern wieder erreicht; am Restaurant Le Marmotte stellen die Wirtsleute gerade die Bestuhlung für die Terrasse auf. Vom Pass wenden wir uns links hoch zum Forte Centrale; hier haben einige Modellflieger schon ihre Utensilien aufgebaut und warten auf den richtigen Wind. Das Wetter läßt keine Klagen aufkommen, blauer Himmel rundherum und eine Fernsicht, die bis weit hinter den Mont Viso zu schneebedeckten Bergen quer über das Piemont reicht. Die Schotterpiste der Ligurischen Grenzkammstraße führt uns nochmal bis über 2200 m hoch. Bei der Auffahrt haben wir einen tollen Blick zurück auf das Forte Centrale und in die Ebene des Piemont.

Am Col de la Boaire (2100 m) schwenken wir in das karge Hochtal ein. Der Fahrbelag wird erneut grob und holprig; rechts und links tauchen immer wieder Almgelände auf, auf denen von oben betrachtet die Kuhherden wie Fischschwärme wirken. Neben uns sind noch zwei jüngere italienische Zweierteams unterwegs. Am Rif. Don Barbera komme ich mit einem von ihnen ins Gespräch. Die beiden Jungs kommen aus Cuneo und wollen in zwei Etappen übers Rif. Allavena nach Ventimiglia; von dort werden sie nach der Ankunft gleich mit dem Zug zurück nach Hause fahren. Beide haben sich erst dieses Jahr die Mountainbikes gekauft. Diese Holperstrecke, bei der man immerhin nicht tragen muß, ist natürlich ein gutes Training. Wir fahren runter zum Rifugio Don Barbera (2079 m) und trinken eine Schokolade; Kuchen ist aus, dafür gibt es Weißbrot mit Schokoladenaufstrich.

Wir fahren wieder hoch zur Straße und setzen unsere Fahrt auf der weiter ansteigenden Holperstrecke fort, bei der man ständig die optimale Route zur Minimierung des Rollwiderstands suchen muss. Jetzt sind auch ein paar Enduro- und Quadfahrer unterwegs. Hier oben staubt es bei deren Vorbeifahrt noch nicht, aber später wird sich das noch ändern. Den für heute höchsten Punkt erreichen wir kurz vor einer Spitzkehre, von der aus man das Mittelmeer sehen könnte, wenn denn die Sicht dazu ausreichen würde; in südlicher Richtung ist es aber leicht diesig. Es folgt eine lange Abfahrt quer durch einen Grashang mit Blick auf die französichen Mittelmeeralpen. Daran schließt sich eine ebene Lärchenwaldpassage an, wo wir es auf ebenem Untergrund endlich mal locker laufen lassen können und zügig voran kommen.

An einer Wiesenpassage treffen wir wieder auf die beiden Italiener, die sich gerade mit Hilfe eines Smartphones zu orientieren suchen. Unten an der Auffahrt zum Passo Tanarello machen wir zusammen kurz Pause, während dessen trifft auch das zweite italienische Team ein und schließt sich der Pause an. Dann geht es die einfach zu fahrenden Serpentinen hinauf. Oben treffen wir auf eine Gruppe Endurofahrer, die gestern abend auch in unserem Hotel gegessen haben. Vom Passo Tanarello geht es wieder hinab über eine sehr grobe Strecke, auf der uns auch wieder Geländewagen entgegen kommen. Auch zwei italienische Mountainbiker kämpfen sich den Weg hinauf. Am Pas de Colle Ardente treffen wir auf eine Gruppe Geländewagenfahrer, die alles zugeparkt haben und gerade ihre Mittagspasta essen. Wir balancieren an einem Wagen vorbei und kommen auf einen ruhigen Waldweg, der endlich ohne Begleitlärm befahrbar ist. Bald treffen sich aber beide Wege wieder auf dem Bergkamm und wir kommen damit wieder in den Genuss der staubaufwirbelnden Enduro- und Quadfahrer. Besonders die Quadfaher haben ihren Spaß daran, ihr Gefährt an der Haftgrenze der Bereifung zu betreiben; fairerweise muss ich zugeben, dass sie uns jeweils mit gemäßigter Geschwindigkeit und ohne Spirenzchen überholen. Ihren Staub bekommen wir aber dennoch zu schlucken.

Bevor wir zum Rif. Allavena abfahren, gibt es am höchsten Punkt nochmal eine kurze Brotzeitpause. Von hier aus hat man einen schönen Blick zurück auf den Passo Tanarello und sieht auch gut die Geländemulde, die wir mit dem Pas de Colle Ardente überbrücken mussten. Nach Süden hin bekommen wir wenig später wieder einen Blick auf das in Strandnähe schon türkis schimmernde Mittelmeer. Auf der Piste hinunter zum Rif. Allavena ist wieder viel Verkehr. Eine Reihe von Geländewagenfahrern muss sich dort unbedingt noch hocharbeiten. Im Rifugio angekommen beziehen wir ein Zimmer mit sechs Stockbetten für uns allein. Eine warme Dusche gibt es gegen Münzen. Die Räder kommen in einem separaten Schuppen etwas unterhalb des Hauptgebäudes unter Verschluss. Unser Wohnräumlichkeiten überzeugen nicht direkt durch perfekte Sauberkeit, die Dusche ist grenzwertig von Rotalgen besiedelt und im Schlafraum wächst an einigen Stellen blaugrün blühender Schimmel. Die heimische (Drei-)Männerwirtschaft schein es damit nicht so genau zu nehmen.

Die beiden jungen Italiener treffen erst ein, als wir schon geduscht bei einem Bier im Gastraum sitzen; sie hatten etwas Orientierungsprobleme. An einem Rad stehen jetzt auch noch Reparaturarbeiten an, der Bremsbelag einer Kantileverbremse hat sich gelöst. Ein mit Treckingrädern reisendes gemischt englisch/italienischsprachiges Pärchen kann aushelfen, sie haben Ersatzbeläge dabei. Die beiden übernachten in einem Zelt vor der Unterkunft, um die Übernachtungskosten zu sparen. Die Suche nach dem geeeigneten Aufbauplatz hatte sich vorher als belustigendes Schauspiel für die Zuschauer herausgestellt. Ca. 1/2 h wechseln sie zwischen verschiedenen Stellen vor dem Haus diskutierend hin und her, wortreich die Vor- und Nachteile der Stellplätze erörternd. Abends beim Essen sitzen wir mit einem deutschen Wandererpärchen an einem Tisch. Sie sind auf der Alta Via unterwegs, und hatten auch schon Probleme mit der Übernachtung. Tags zuvor sind sie ohne Reservierung in La Brigue eingetroffen und mussten mangels Schlafplatz im Freien übernachten.

Etappe 9: Rif. Allavena - Ventimiglia

Tabelle 10: Daten der neunten Etappe
RouteRif. Allavena - Gola dell'Incisa - Passo di Fonte Dragurina - Passo Muratone - Colle Scarassan - Colla Sgora - Ventimiglia
DatumMontag 12.08.2013
Entfernung64,4 km
Netto Fahrzeit4:58 h
Brutto Fahrzeit7:26 h
Bergauf795 m
Bergab2436 m
ÜbernachtungHotel Calypso, Tel. +39 0184 351588
KartenIGC 8, Alpi Marittime e Liguri; IGC 14, San Remo Imperia Monte Carlo
GPS-Spur gs-transalp-2013-tag9.gpx (Kartenansicht)

Das Refugio liegt frei auf einem Kamm, der bei Sonnenaufgang direkt angestrahlt wird. Zufällig passt das zu unserer Aufstehzeit und das Wetter ist auch entsprechend, der Himmels präsentiert sich blau ohne die Spur auch nur einer Wolke. Karin nutzt die Gelegenheit, ein paar Fotos von diesem Phänomen zu schießen. Gegen sieben sammeln sich alle Reisenden zum Frühstück im Gastraum, welches nicht allzu üppig ist, Kaffee und Milch in Kannen sowie süßes Geknabbere. Die Trinkflaschen lassen wir uns an der Schanktheke mit Wasser füllen, frisches Quellwasser gibt es auf dem Grenzkamm wegen seiner Lage praktisch garnicht. Wir verabschieden uns von dem Wandererpärchen und wünschen unseren mountainbikenden italienischen Kollegen noch eine gute Fahrt, möglicher weise trifft man sich ja nochmal unterwegs. Die Räder sind schnell aus dem Verschlag befreit und los geht die Fahrt aufwärts, die gestern verlorenen 400 hm wieder hinauf.

Die Sonne bringt ein stimmungsvolles Licht in die Szenerie und wirft lange fotogene Schatten. Ab einer gewissen Höhe haben wir wieder einen Blick aufs Mittelmeer, unser heutiges Ziel. Den Kamm haben wir über die Serpentinen relativ flott erreicht, immer wieder ergibt sich dabei ein Blick zurück auf unser Übernachtungshaus. Oben wenden wir uns in Richtung Pas de l'Incise, hier gibt es recht viele Wanderwege und wir sind froh, dank des GPS-Gerätes mit aufgespieltem Track nicht lange nach dem rechten Weg suchen zu müssen. Wir sind jetzt auch mal wieder in Frankreich angelangt, doch das merkt nicht wirklich. Hier oben sind einige MTB-Routen ausgeschildert, die zweisprachig beschriftet und mit einem roten Symbol (Dreieck plus zwei Kreise) markiert sind. Wir folgen nun der Route »T1« mit dem Namen »Via di cresta«. Zum nächsten Pass geht es über einen schönen Gebirgspfad leicht bergab, er ist nicht ausgesetzt und gut zu fahren. Hinter dem Pass steigt der Weg wieder an, zum Fahren ist es grenzwertig, daher schieben wir meist weiter. Nach Westen haben wir jetzt ständig einen tollen Blick in die französichen Mittelmeeralpen. Unmittelbar vor dem Passo di Fonte Draguirina gibt es eine absturzgefährdete Stelle, die mit einem Seil abgesichert ist. Dahinter geht es dann in einem sonnenbeschienenen Grashang im Zick-Zack hinunter. Hier wächst sogar Lavendel. Der Ausblick ist einfach gigantisch, man weiß garnicht, wohin man zu erst schauen soll. Immer wieder legen wir kurze Stopps zum Fotografieren ein.

Weiter unten quert der Pfad weiter nach Westen, hier steigt er dann auch mal leicht an und wird zunehmend ausgesetzt. Karin ist das zu heikel, sie fährt fast garnicht mehr. Hinunter zum Col du Corbeau fahre ich dann auch nicht mehr alles. Nach links geht es ganz schön steil bergab, die Fahrspur ist nicht mehr besonders breit und der steinige Belag stellenweise sehr grob. Bei uns zu Hause würde man soetwas kaum als Mountainbikeroute ausschildern. Auf jedenfall ist es spektakulär, ob man hier nun fährt oder nicht. Hinter dem Col du Corbeau ist der Hang nicht mehr ganz so steil und es läst sich ohne extremen Nervenkitzel fahren, es bleibt aber anspruchsvoll. Auf dieser Passage kommt mir dann sogar eine Wanderin entgegen. Bald ist dann das Ende der Pfadstrecke erreicht und wir kommen auf einen Forstweg, der uns mit immer noch recht grobem Belag zum Col de Muraton hinunter bringt. Von dort geht es auf gut gepflegter Forststraße leicht dahin zum nächsten Pass dem Passo Gouta. An der querenden Asphaltstraße biegen wir rechts ab, und rollen sanft durch den Wald hinunter. Das wirkt auf mich völlig fremdartig, sind wir doch seit zwei Tagen nur auf Rüttelpisten unterwegs. Aber es bleibt nicht lange so. Unten im Tal biegen wir hinter einer Brücke links ab auf eine Forststaße, die zunächst noch harmlos wirkt, im weiteren Verlauf aber auch ihr Rüttelpotential entwickelt.

Wir bleiben nun stets auf diesem Holperweg, der näherungsweise höhengleich der Kontour folgt, der Belag ist mal gut erträglich, mal schier unglaublich derbe. In einer schnelleren Bergabpassage merke ich irgendwann, dass mein Hinterrad weich wird. Richtig, am letzten Tag muss ich mir auch noch einen Plattfuß einhandeln. Die Karkasse ist leicht angeritzt, so dass die Dichtmilch nach außen quillt. Hier hilft nur noch ein Schlauch; dieser ist schnell eingezogen und die Holperfahrt kann weiter gehen. Irgendwo hinter dem Monte Arbellio ist es endlich vorbei mit der Rüttelei, der Weg mündet auf die einwandfrei asphaltierte SP69, die sich weiter mit nur leichtem Gefälle am Hang hält. Mittlerweile sind wir auf rund 500 m üNN herunter, es wir wärmer und wärmer. Auch das Meer in Blickrichtung kommt nun immer näher, die auf hohen Stelzen stehende Autobahnbrücke bei Camporosso gerät in Sichtweite. An der Kreuzung mit der SP92 biegt die Zahn'sche Route links hinunter Richtung Dolceaqua. Wir bleiben jedoch weiter geradeaus auf der SP96, da uns diese Panoramastrecke hier oben besser gefällt. So reiten wir weiter auf dem Kamm entlang, bis wir die Autobahn queren, kurz dahinter geht es links runter ins Tal nach Camporosso.

Nach flotter Fahrt unten angekommen orientieren wir uns zu dem unmittelbar am Fluss entlang führenden Radweg. Diesem folgen wir immer geradeaus bis zur Uferstraße. Rechts von uns liegt nun Ventimiglia, wir fahren schnell rüber zum Ortsschild für die Ankunftfotos und dann wieder zurück auf dem kürzesten Weg zum Strand. Dort setzen wir uns in eine Bar und lassen uns ein Eis und frische Getränke schmecken. Nach der Stärkung fahren wir über die Küstenstraße nach Ventimiglia hinein und suchen nach unserem Hotel Calypso. Das ist dank der Eintragung in die Openstreetmap schnell gefunden (liegt zwar auf der falschen Straßenseite, das ist aber schon korrigiert). Da es erst kurz vor vier ist, gehen wir erst noch im nahen Supermarkt einkaufen und hängen nach einer Brotzeit im Stadtpark noch eine Besichtigung der Altstadt an. Diese hat schöne verwinkelte, schmale Gässchen, die wegen der Hanglage auch gar nicht so einfach zu befahren sind. Zum Schluß machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Bahnhof. Vor dem Fahrkartenschalter gibt es aber eine lange Schlange. Wir beschließen später nochmal wieder zu kommen. Im Hotel beziehen wir ein nettes Zimmer mit ruhigem Hofblick, die Räder kommen in der Tiefgarage unter Verschluss. Jetzt steht erstmal Hygiene auf dem Programm.

Als ich später nochmal im Bahnhof eintreffe, stauen sich die Fahrgäste immer noch vor dem einzigen geöffneten Schalter zurück bis zum Eingang. Es gibt aber auch einen Fahrkartenautomaten, an dem weniger los ist. Die Bedienung dieser Geräte schreckt mich normalerweise eher ab, mir gelingt es aber ohne allzu große Mühe, die Fahrkarte bis nach Susa zu lösen. Ich finde allerdings keine Möglichkeit, die Zusatzgebühr für die Räder zu konfigurieren; nach meiner Internetrecherche sollten hier noch jeweils 1,5 EUR anfallen. Egal, läßt sich ja hoffentlich noch nachlösen. Später am Abend flanieren wir noch an der Strandpromenade entlang. Heute gibt es eine Folkloreveranstaltung, bei der aus verschiedenen Stadtvierteln altertümlich gekleidete Gruppen unter Musikbegleitung zum Stadtplatz ziehen und dort schließlich im Scheinwerferlicht ihr Tanz- und Fahnenschwenkkünste aufführen.

Heimreise

Unser Zug nach Cuneo fährt heute erst um 9:10 Uhr, so dass wir in aller Ruhe Frühstücken können. Die Räder sind anschließend schnell aus der Tiefgarage geholt und zum Bahnhof gebracht. Rein fahrplanmäßig sollen wir in 4:21 h in Susa sein; die Zwischenaufenthalte sind mit 7 min in Cuneo und 10 min in Turin ökonomisch knapp; ich hoffe, es klappt alles wie geplant. Auf dem Bahnsteig warten neben uns noch eine ganze Reihe weiterer Fahrgäste, die leicht für eine mehr als 50%ige Auslastung der Sitzplätze sorgen. Für Fahrräder bietet der Nahverkehrszug eine ausreichend große Stellfläche, die auch für Sperrgepäck genutzt werden kann. Der Zug verläßt den Bahnhof Richtung Westen und folgt dann dem Roya-Tal nach Norden. Bei den Zwischenhalten steigen weitere Passagiere zu, die schließlich keine Sitzplätze mehr finden. Erst in Limone hinter dem Tende-Pass leert sich der Zug wieder etwas. Bis nach Cuneo hat er auf der kurvigen, mit reichlich Tunneln gespickten Strecke gute 10 min Verspätung eingefahren; ich befürchte, dass wir den Anschlußzug nach Turin nicht mehr erwischen werden. Das würde mehr als eine Stunde Aufenthalt bedeuten. Mir ist auch nicht klar, auf welchem Gleis der Zug abfährt; ein Schaffner, den ich danach fragen könnte, läßt sich nicht blicken. In Cuneo stellt sich dann glücklicherweise heraus, dass der Anschlußzug direkt auf dem Nachbargleis wartet. Dieser Zug hat für Räder einen Abstellbereich mit senkrechten Haltern an der Wand. Mein Rad mit der 650b-Bereifung passt aber von der Länge her leider nicht hinein, also muss es im Stehen weiter fahren. Außer uns gibt es kaum Passagiere; der Lokführer gibt sich alle Mühe, die Verspätung wieder reinzuholen, das GPS zeigt bis zu 140 km/h an. Die Klassifizierung »Regionale Veloce« ist damit auf jeden Fall gerechtfertigt. In Turin kommen wir mit nur noch 5 min Rückstand an. Nach dem Aussteigen besteht das gleiche Problem wie beim letzten Halt: Wo fährt der Zug nach Susa ab? Wir beeilen uns, in die Haupthalle zu kommen; dort zeigt die Übersichtstafel das Gleis für unseren nächsten Zug. Glücklicherweise steht auch dieser noch wartend am Bahnsteig. Schon etwas hektisch laufen wir am Zug entlang und suchen nach dem Fahradsymbol für den Abstellbereich. Natürlich findet er sich am Ende des Zuges direkt hinter der Lok. Puh, Stress lass nach; wir lassen uns erleichtert in die bequemen Polster des Abteils fallen. Kaum sitzen wir, rollt der Zug an. Auch in diesem Zug bekommen wir keinen Schaffner zu Gesicht, der unsere Fahrkarte kontrolliert; ich bekomme also keine Gelegenheit, die Gebühr für unsere Räder nachzulösen. Wie ich erst zu Hause feststellen werde, hätte ich unsere Fahrkarte vor Fahrtantritt noch abstempeln müssen. Der fehlende Stempel hätte bei einer Kontrolle eventuell für Diskussionen gesorgt, war dann wohl besser so.

Fazit

Eine Westalpenquerung ist auf jeden Fall etwas besonderes, nicht nur wegen der langen An- und Abreise. Während bei einer Ostalpentour Sprachkenntnisse in Deutsch meist ausreichen, können hier Italienisch und/oder Französich von erheblichem Nutzen sein. Manchmal, aber nicht immer, kommt man mit Englisch weiter. Das Landschaftserlebnis spricht natürlich auch für sich; wo hat man in den Ostalpen schon die Gelegenheit, auf langen Strecken deutlich über 2000  unterwegs zu sein? Auf der anderen Seite sind lange Schiebestrecken als Kompromisslösung einzukalkulieren. Wir hatten uns bezüglich des Schuhwerks darauf eingestellt und uns jeweils ein Paar Shimano MT-91 zugelegt; diese Investition hat sich sehr bewährt. Sehr willkommen war mir auch die teils sehr gute Küche, hier sind meine Erwartungen nicht enttäsucht worden.

Was die Etappeneinteilung betrifft, hatten sich die Befürchtugen bezüglich belegter Unterkünfte tatsächlich bestätigt. Wir sind zwar so auch zurecht gekommen, aber ein frühes Buchen der Übernachtungen scheint bei dieser Reisezeit sehr empfehlenswert zu sein. Die Länge der Etappen war nicht zu anstrengend; das Ziel, nicht erst abends um acht hektisch bei der Unterkunft einzutreffen, lies sich gut errreichen. Lediglich der zweite Tag war mir von der Fahrzeit etwas zu kurz, ein zweites Mal würde ich die Route vermutlich eher über den Pic du Malrif legen, oder noch eine Schleife oberhalb von Abriès einbauen.

Das Thema Navigation und Orientierung kann man auf unserer Strecke komplett mit Openstreetmapdaten abdecken. Soweit es überhaupt noch notwendig war, habe ich mittlerweile fehlende Streckenabschnitte in der Openstreetmap ergänzt, bzw. mit zusätzlichen MTB-Attributen versehen. Auch ein paar zusätzliche Trinkwasserstellen finden sich nun in der Datenbank. Weiterhin sind alle Übernachtungsstätten soweit fehlend ergänzt bzw. deren Lage korrigiert und die öffentlich zugänglichen Kontaktdaten (Telefon, E-Mail-Adresse, Webseite) hinzugefügt. Es ist daher eigentlich nicht mehr notwendig, ein separates Telefonverzeichnis mitzuführen, zumindest bei Geräten, die diese Art von Daten bei einem sogenannten Point of Interest (POI) anzeigen. Als besonders komfortabel möchte ich hier das Programm Osmand für Android-Geräte empfehlen.


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Letzte Änderung: 13.12.2013
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